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Andreas Weiß: ASEAN

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2 Leave a comment on paragraph 2 0 Raumvorstellungen prägen das politische Handeln spätestens seit dem Zeitpunkt, seit die Grenze als territoriale Markierung eines Staatswesens eingeführt wurde. Als Handlungskategorie für (Außen-)Politik nahmen Grenzen eine Leitfunktion ein, nachdem sich die Menschen mit Hilfe von Karten und Globen eine neue, den zwar existierenden, aber immer nur imaginierten Raum umfassende Vorstellung von der Welt machten. So dominant wurden die (real-)politischen Implikationen dieser Raumvorstellungen („Geopolitik“), dass sich sogar seit den 1970er Jahren eine sogenannte „kritische Geographie“ herausbildete, um den dahinterliegenden militärischen Machtansprüchen dekonstruktivistische Ansätze entgegenzuhalten.[1] Raum – und die politische Organisation von Raum – waren und sind daher wichtige politische Handlungsparameter, vor allem, seit man unseren Planeten als Schicksalsgemeinschaft versteht.[2]

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Aus dieser „globischen“ Betrachtungsweise heraus ist unsere Welt polar. Ob es aber, politisch gesehen, eine bi- oder multipolare sein würde war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lange Zeit umstritten. Gab es vor dem Zweiten Weltkrieg noch ein „Konzert der Kolonialmächte“ so blieben nach der Niederlage der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg nur noch zwei Supermächte übrig – die USA und die UdSSR. Beide Staaten standen dabei nicht nur für unterschiedliche Ideologien, sondern aus den aus ihnen abgeleiteten Wirtschaftskonzepten ergaben sich eigene Raumvorstellungen: Der Kapitalismus denkt Raum global, da die Grenzen der Erde die Grenzen des Wirtschaftswachstums und der wirtschaftlichen Verflechtung sind. Der Kommunismus hingegen propagierte die Idee der Internationale, die zwar auch global existieren konnte, aber immer auf die kleinere Maßstabsebene (National)Staat heruntergebrochen werden musste. Dies erklärt vielleicht auch die Attraktivität des Kommunismus für viele der neuen, im Zuge der Dekolonisierung entstandenen Staaten, da diese ja ihre frisch gewonnene Unabhängigkeit nicht gleich wieder einem größeren Bezugsrahmen unterordnen wollten. Allerdings zwang der zunehmende „Kalte Krieg“ die soeben neu entstandenen Staaten, sich mehr oder weniger eindeutig einem Block zuzuordnen. Doch experimentierten viele Staaten mit eigenen Wirtschaftsmodellen und Politiksystemen, die ihren jeweils ganz eigenen dritten Weg bildeten und eigene Bezugssysteme bildeten. Eingebettet waren diese in einen neuen Bezugsrahmen.

4 Leave a comment on paragraph 4 4 Im Rahmen dieses Essays interessiert allerdings nicht primär, wie Raum im „Kalten Krieg“ gedacht wurde, sondern in welch neuartiger Art und Weise er organisiert wurden. Denn neu in diesem Bezugsrahmen „Raum im ‚Kalten Krieg‘“ war vor allem die Rolle supra- und transnationaler Organisationen. Das internationale System nach 1945 wurde durch die neuen weltweiten Organisationen, wie die Vereinten Nationen, vor allem aber durch die im Wesentlichen in den 1950ern entstehenden intermediären Organisationen geprägt; seien es Regionalorganisationen wie die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl und ihre Nachfolgeorganisationen oder eher losere politische Bündnisse wie die Bewegung der Blockfreien Staaten.[3] Wichtig aus der Perspektive dieses Essays ist, dass Politik und Militär weiterhin in Räumen, vor allem in Kontinenten und Subkontinenten, dachten – offensichtlich zum Beispiel an der Organisation der NATO. Ihnen kam dabei zugute, dass die Konstruktion der UN vorsah, dass regionale Organisationen so etwas wie die lokalen Vertreter der UN werden konnten (und sollten).[4] Es waren vor allem diese intermediären Organisationen, die politische Handlungsräume auf der Ebene zwischen Nationalstaat und globalen Organisationen entstehen ließen und so neue „Figuren des Dritten“ als Vorbilder für diverse politische und wirtschaftliche Akteure boten. Denn nur als „Dritte“ sowohl zwischen den Führungsmächten der beiden Blöcke wie zwischen Nation und globaler Organisation konnten sie ihre eigentliche Wirkungsmacht entfalten.

5 Leave a comment on paragraph 5 3 Im Kontext des „Kalten Krieges“ bleibt die Frage diskussionswürdig, warum die hier zu diskutierenden neuen regionalen Organisationen gegründet wurden, wenn mit UN, UNESCO, etc. scheinbar neutrale internationale Organisationen zur Verfügung standen. In der Forschung wird dies zum einen mit dem Formalismus der UN erklärt. Hierunter muss man die interne Hierarchie der UN verstehen, die insofern besonders problematisch war, da der Sicherheitsrat, in dem ja die fünf Siegermächte des Zweiten Weltkrieges Vetorecht besaßen, eindeutig ein Instrument der Ost-West-Auseinandersetzung wurde. Das die „Kalten Krieger“ somit bewusst, aber ohne tieferes Verständnis für die neuen Organisationen, neue Konfliktlösungsmechanismen des „Kalten Krieges“ untergruben ist eine der Ironien der Geschichte.[5] Denn es sollten ja eben diese neue, internationale Organisation und ihre Unterorganisationen sein, in denen sachlich über die Probleme zwischen Ost und West, Nord und Süd geredet werden sollte, um einen neuen, vor allem dann atomar gedachten Weltkrieg zu verhindern.

6 Leave a comment on paragraph 6 1 Alternative Organisationsformate schienen daher immer mehr zu attraktiven Gegenentwürfen etablierter globaler Ordnung zu werden; nicht ohne Grund wurden mehrere dieser neuen Bündnisse in den 1950ern und 1960er Jahren gegründet.[6] Für den hier im Mittelpunkt stehenden geographischen Raum, Südostasien, waren zwei Initiativen zentral, die sich – in ihrer politischen Bedeutung für die Region – nacheinander ablösten: die Bewegung der Blockfreien Staaten und die Association of Southeast Asian Nations (im Folgenden ASEAN).

7 Leave a comment on paragraph 7 2 Startpunkt für beide Organisationen war die Konferenz von Bandung 1955. Sie war nicht nur der Versuch der „Schwachen“ und Kolonisierten, das politische Übergewicht des weißen Nordens aufzubrechen, sondern auch, die Konfrontationslogik, die „Blockbildung“, zu vermeiden. Schon die verschiedenen Namen, die Dritte der „Bewegung der blockfreien Staaten“, der auf dieser Konferenz gegründeten Organisation, geben, verdeutlichen dies.[7] Die Frage, ob diese Dynamiken (die Versuche einer autonomen Machtpolitik) mit spezifischen Phasen im „Kalten Krieg“ korrelierten ist jedoch hier von nachgeordnetem Interesse. Denn die Initiatoren dieser Bewegung wollten sich aus unterschiedlichen, je eigenen Gründen in dieser Konfrontationspolitik nicht positionieren, sondern ihren eigenen Weg beschreiten. Zwar wurden viele diese Organisationen, vor allem die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (im Folgenden EWG) und ASEAN, als Folge und Instrumente der Ost-West-Konfrontation betrachtet. Doch nimmt man die (Ego-)Dokumente der Gründer ernst, dann stehen vor allem neutralistische, pazifistische Motive im Vordergrund. Vor dieser Folie scheint es eher so zu sein, dass sich die „neuen“ Institutionen gegenseitig beobachteten und imitierten, denn die zeitliche Abfolge ihrer Gründungen scheint mehr als ein Zufall zu sein. Daher wäre auch zu fragen, welche Rolle die persönlichen Erfahrungen spielten, die die Gründerväter und -mütter in Zwischenkriegszeit und Zweitem Weltkrieg hatten. Beide Regionen – Westeuropa und Südostasien – beteiligten sich am Völkerbund und waren Hauptkampfzonen des Zweiten Weltkrieges. Und mehrere dieser Akteure müssen sich aus politischen Initiativen und sozialen Lagern der Zeit nach 1919 gekannt haben, so trafen sich Mohammed Hatta, Unabhängigkeitsführer und erster Vizepräsident Indonesiens, und Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister Indiens, schon 1927 in Brüssel beim Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus.[8] Als Organisationseinheit scheint das wichtigste Vorbild für ASEAN die Gründung der EWG und ihre Partner- und Nachfolgeorganisationen gewesen zu sein. Blicken wir auf das Jahr 1967: Am 1. Juli trat der 1965 geschlossene Fusionsvertrag der Europäischen Gemeinschaften, ein Meilenstein der Europäischen Integration, in Kraft. Kurz danach, am 8. August 1967 wird ASEAN mit dem Bangkok-Vertrag gegründet.[9] Es scheint daher mehr als eine Koinzidenz zu sein, dass sich beide Organisationen nacheinander ähnliche Formen gaben.[10] Sie unterschieden sich damit auch von den verschiedenen Pan-Bewegungen, die zwar ideologische Gemeinsamkeiten postulierten, aber keine Lösungsmechanismen für die Bewältigung von Interessenkollisionen von Mitgliedsstaaten fanden. Die Prominenz des tertium comparationis in diesen Bewegungen oder Modellen, sei es der „Dritte Weg“ oder die „Dritte Welt“ zeigt, dass schon während der Hochzeit der vermeintlichen bipolaren Ost-West-Konfrontation versucht wurde, diese zumindest mental zu überwunden.[11]

8 Leave a comment on paragraph 8 1 Das Dritte bot sich als reizvolle Alternative, als Denk-Figur zur Überwindung der binären Logik des „Kalten Krieges“ an, da es ermöglichte, politische Vorstellungen zu diskutieren, die sich eben nicht eindeutig dem kapitalistischen oder kommunistischem, dem „demokratischen“ oder „autoritären“ Lager zuordnen ließen. Diese neuen Denkfiguren wurden nötig, da die bisherigen Lösungsansätze, den Machtasymmetrien nach 1945 friedlich zu begegnen, das oben erwähnte neue System internationaler, „globaler“ Organisationen gewesen war. Allerdings schienen diese, wie angedeutet, zunehmend vom „Kalten Krieg“ aufgesogen zu werden. Schon früh propagierten daher führende Vertreter der Dekolonisierung (Nehru, Suharto, Zhou Enlai) den sogenannten „Dritten Weg“, aus der die oben genannte Bewegung der Blockfreien entstand. Diese stellte ein interessantes Zwischen“medium“ dar, da sich beide Konzepte, der „Dritte Weg“ und die Bewegung der Blockfreien, oft überlappten. Darüber hinaus stellte die Bewegung der blockfreien Staaten zwar formal eine Organisation dar, erlangte aber nie dieselbe Kohärenz wie andere Organisationen. Sie spielen aber als Kontext für die hier wesentliche Organisation, ASEAN, eine wichtige Rolle, da die Bewegung versuchte, die radikale Binarität des Entweder-Oder zu überwinden. Die Logik des „Kalten Krieges“ erhob den Anspruch, die jeweilige Ideologie zum leitenden Kriterium für die Ordnung der Welt und die Strukturierung von Gesellschaft zu erheben. Kulturalistisch verbrämt wurde nun versucht, dieses Konzept zu überwinden und man setzte dagegen eigene „Werte“. In Südostasien wurde das Dritte dann zum sogenannten „asiatischen Weg“ deklariert.[12]

9 Leave a comment on paragraph 9 3 Wichtig allerdings ist, dass es in Südostasien als einer der wichtigsten Konfrontationszonen des Ost-West-Konfliktes nicht bei kulturalistischen Diskussionen oder losen politischen Programmen blieb. Denn eine Sonderrolle in diesen Bewegungen des „Dritten Weges“ nimmt sowohl durch seine Geschichte und seine relative institutionell gefestigte Struktur ASEAN ein. Dabei entwickelte sich hier eine ganz eigene Figuration des Dritten, die sich zwar an viele parallel existierende Konzepte anlehnte, aber diese zu erweitern versuchte. Eine nicht unwesentliche Rolle dürfte dabei der Status Südostasiens als eine der wichtigsten Frontregionen im „Kalten Krieg“ gespielt haben, wobei noch ein anderer „Dritter“, China, im Hintergrund eine wichtige Rolle spielte.[13] Viele von ASEANS Gründungsstaaten und -vätern waren in Bandung anwesend. Doch schien ihnen dieser Weg zu unverbindlich. Thailand, Malaysia, Singapur, die Philippinen und Indonesien gründeten, nach dem Vorbild der EWG, vielleicht mit einem Fernziel à la Europäischen Gemeinschaften, eine Staatengemeinschaft, die sich nach dem Scheitern der militärischen-sicherheitspolitisch ausgerichteten SEATO der bündnispolitischen Neutralität verpflichtete. Der strategische Raum von SEATO (South-East Asia Treaty Organization) deckte sich im Kerngebiet Südostasien weitgehend mit dem „Vertragsraum“ ASEAN; SEATO allerdings positionierte sich eindeutig im „Kalten Krieg“. Die Gründung von ASEAN war so auch ein Ersatz für das Scheitern von SEATO, aber nun, und das ist wichtig im Kontext des „Kalten Krieges“, ohne militärische oder bündnispolitische Komponente. Trotz aller Furcht vor China oder der Sowjetunion hatte es dieses südostasiatische Pendant zur NATO eben nicht geschafft, in der Region soweit akzeptiert zu werden, damit die USA relevante Waffenhilfe in den Stellvertreterkriegen in Asien erhielt. Zwar existierte SEATO formal weiter bis 1977, doch war die Organisation ab 1973 quasi inaktiv. Ein wesentliches Problem war offensichtlich die Teilnahme extraregionaler Staaten; sprich, vor allem der westlichen Mitgliedsstaaten Frankreich, Großbritannien, Australien, Neuseeland und der USA. Nur die Philippinen und Thailand waren Staaten in Südostasien, Pakistan als weiterer asiatischer Staat spielte nie eine bedeutende Rolle; allerdings waren Laos, Kambodscha und Südvietnam Protokollstaaten. Die Organisation wurde daher auch als Deckmantel für die Perpetuierung kolonialer Interessen durch Frankreich und Großbritannien gesehen. Dieser Aspekt war für die soeben dekolonisierten Staaten der wichtigste Punkt, sich nicht einer der beiden Supermächte anzuschließen, wenn man nicht überzeugter Antikommunist oder Kommunist war – es war die Angst vor einer Neokolonisierung. Das Wissen um die Angst vor einer Neo-Kolonialisierung hilft auch zu verstehen, warum diese antikommunistische Militärorganisation scheiterte, obwohl Südostasien die wichtigste Frontzone der kleinen „heißen“ Kriege im „Kalten Krieg“ war. Denn nicht nur bedrohte die Ost-West-Konfrontation die Region (man denke nur an den Vietnamkrieg), auch China und Indien grenzten die Region ein. Mit ASEAN versuchten die politischen Führer gleichzeitig zur militärischen Deeskalierung eine Wirtschaftsintegration à la EWG „light“: ohne starken, quasi-automatischen Integrationsprozess bei Betonung gemeinsamer Werte, aber auch ohne parallele Verteidigungsgemeinschaft. Ebenso wie die Gründerväter der Römischen Verträge waren für die Gründer von ASEAN die zentralen Sozialisationserfahrungen vielfältig: die Schwäche internationaler Organisationen und das Scheitern des Völkerrechtes in der Zwischenkriegszeit; die Leiden des Zweiten Weltkrieges. Wenn nun die zwei zentralen Siegermächte dieses Krieges neue Gewaltspiralen propagierten musste dies den Wertvorstellungen asiatischer (und europäischer) Politiker, aber auch deren ureigenen Interessen zuwiderlaufen. Denn die Stabilisierung (oder Etablierung) von ASEAN und die Durchsetzung eines regionalen Commitments wurde durch den Rückzug der USA aus der Region nach der Niederlage im Vietnamkrieg verstärkt, ja ermöglicht. Die ZOPFAN-Deklaration (Zone of Peace, Freedom and Neutrality) zeigte, dass man innerhalb Südostasiens Konflikte nicht-konfrontativ lösen wollte – auch dies machte SEATO überflüssig.

10 Leave a comment on paragraph 10 1 Wichtig für die Entwicklung ASEANs war, dass der „Kalte Krieg“ in seinen heißen Phasen immer wieder in deren Bündnisraum eindrang. Nicht erst seit der Niederschlagung kommunistischer Aufstände in Malaysia (die sogenannte Emergency) prägte die Angst vor kommunistischen Aufständen das Weltbild der festlandsüdostasiatischen Staaten. Der Vietnamkrieg und die Krise in Kambodscha betrafen etliche Mitglieder mehr oder weniger direkt. Die interessante Frage bei einem Konzept des „Dritten“ ist nun, wie ASEAN als Ganzes, aber auch einzelne Akteure in diesem Spannungsfeld agierten. Während weite Teile des Militärs eine Ausbildung oder Unterstützung durch die westlichen Mächte erfahren hatten und daher antikommunistisch eingestellt waren bevorzugten vor allem die politischen Führer, die ihre politische Sozialisation in der Zwischenkriegszeit erfahren hatten, einen neutraleren Kurs. Der sogenannte „asiatische Weg“ betonte das Konsensuale und war damit das genaue Gegenteil einer binär-antagonistischen Logik. Dieses prozesshafte Vorgehen ermöglichte es den Blockmächten durch die an ASEAN teilnehmenden Staaten eine unterschwellige, wie durch Stellvertreter vollzogene Kommunikationsfortführung. Da diese den direkten Blockpartnern oft so nicht möglich war, trug dieses Verfahren auch zur Entspannung und Konfliktlösung im „Kalten Krieg“ bei, wie vor allem die Lösung der Kambodscha-Krise zeigt. Gleichzeitig wurden aber bestimmte universalistische Werte, wie die Menschenrechte, als westlicher Diskurs abgelehnt und damit ein anderer Weg beschritten als ihn Organisationen wie die UNO und die UNESCO anboten. Insofern war es wichtig, den eigenen Raum zu definieren, denn mit dieser Raumdefinition sollte eine kulturelle Definition einhergehen, die sich von den benachbarten Regionen abgrenzte (ganz wie auch der Begriff Europa). Während im Westen Südostasien als Konstrukt oder Folge der Definition des Einsatzgebietes eines alliierten Militärkommandos im Zweiten Weltkrieg dargestellt wurde betonten die Politiker die kulturellen und historischen Verbindungen und stellten sich als traditionelle Mittlerregion dar. Gleichzeitig stärkten vor allem regionale Konferenzen den Zusammenhalt, während man international stärker als zum Beispiel die EG-Staaten als eigenständige Staaten auftrat. Dies hing nicht nur mit der frisch gewonnenen Unabhängigkeit zusammen, sondern auch damit, dass ASEAN kaum nennenswerte organisatorische Infrastrukturen besaß. Dies diente dem Wunsch, nicht zu sehr in bestehende Systeme und Bündnisse eingebunden zu werden, was paradox erscheint, wenn man die ganze Zeit Mitglied in verschiedenen Organisationen wird. Dieser Aspekt des „Kalten Krieges“ ist zwar durchaus schon in der Forschung thematisiert worden, muss aber nochmals betont werden. Viele der neuentstandenen Staaten misstrauten den Großmächten so sehr, vor allem den ehemaligen Kolonialmächten, dass es in den 1960er verschiedene Versuche gab, eigene Organisationen zu gründen (Organisation of African Unity (OAU), Andenpakt) oder die kolonialen Grenzziehungen zu überwinden (Vereinigte Arabische Republik). Diese Versuche finden in der bisherigen Forschung ja deswegen so wenig Beachtung, da sich ja eine Reihe von Staaten mittelfristig aus verschiedenen Gründen der Logik der Blockkonfrontation unterwarfen (auch, wenn etliche mit den verschiedenen Regimewechseln immer wieder die Seiten wechselten). In der „Dritten Welt“ wurden aber viele dieser Staaten nicht nur nicht Teil der Blockmächte, sondern sie versuchten häufig gleichzeitig Doppelmitgliedschaften in verschiedenen, die Blöcke übergreifenden Organisationen zu behalten. Das besondere an ASEAN ist diese Betonung des Eigenständigen. Autoren wie Ursula Lehmkuhl und Marc Frey ordnen die Organisation zwar eher dem westlichen Block zu und sehen sie als Gründung oder Werkzeug der USA; dies wurde aber auch seit ihrer Gründung der EWG immer wieder unterstellt.[14] Das Modell Internationale und Regionale Organisation scheint jedoch eine Eigendynamik entwickelt zu haben, denn einige der neuen Vereinigungen waren klar am Vorbild der EG(s) orientiert, zum Beispiel die „Karibische Gemeinschaft“ (Caribbean Community and Common Market (CARICOM)). Die Außenpolitik der USA war gegenüber „Drittstaaten“ sicher nicht konsistent genug, als dass sie regionale Wirtschaftsorganisationen immer gefördert hätten – auch, da diese, wie die EWG, zu Handelskonkurrenten werden konnten. Die USA standen also diesen Organisationen, der EWG/EG wie ASEAN, trotz anfänglicher Förderung zunehmend skeptisch gegenüber, da diese zunehmend versuchten, ihre Autonomie zu bewahren und ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Die Selbstpositionierung als wie auch immer geartetes „Drittes“ gegenüber den Supermächten gehörte hierbei zum politischen Werkzeug multipolar ausgerichteter Organisationen.

11 Leave a comment on paragraph 11 3 Warum aber wählten die Staaten Südostasiens (wie übrigens die europäischen Staaten auch) internationale, ja tendenziell supranationale Organisationen? Die binäre Logik des „Kalten Krieges“ wurde als etwas extrem konfrontatives, fast apokalyptisches Erfahren. Denn der inhärente Lösungsansatz bestand ja zunächst im Überleben nur eines Systems. Multinationale Organisationen ersetzten die Logik der Konfrontation durch den „Weg der Kommunikation“ und trugen damit auch zum Modus der „friedlichen Koexistenz“ bei. Wichtig ist, dass die politikwissenschaftliche Unterscheidung zwischen trans-, supra-, multi-, etc.-Organisationen in diesem Zusammenhang sekundär und für die Akteure unwichtig war. Es wurde die Organisationsform gewählt, auf die man sich als Minimalkonsens einigen konnte und/oder die am erfolgversprechendsten schien. Die zahlreichen Gründungen von Organisationen zeigen, dass es ein starkes Interesse in vielen Teilen der Welt gab, die Dichotomie der Blockbildung zu überwinden, indem man, und dies ist eben kein Paradoxon der post-1945-Moderne, institutionelle Vereinigungen verstärkte. Dies erklärt sich aus der Logik, dass es nur in diesen Verbindungen für viele Staaten zum einen möglich schien, genügend Ressourcen zur Modernisierung der eigenen Wirtschaft zu mobilisieren. Zum anderen aber boten diese Staatengemeinschaften neben dem Schutz eben dieser Wirtschaftsräume auch strategischen Schutz. Vor diesem Hintergrund ist das Scheitern SEATOs umso bemerkenswerter und belegt eindrucksvoll das Streben nach Autonomie von den Supermächten. Denn die „Loyalitäten“ waren im globalen Kontext durchaus unterschiedlich verteilt. So näherte sich Thailand, neben den Philippinen der wichtigste militärische Partner der USA in Südostasien, welches neben Basen auch Truppen für den Vietnamkrieg zur Verfügung stellte, schon in den 1980er Jahren China an, und das nicht nur in wirtschaftlichen Beziehungen. Die bipolare Blockbildung, die ja mit dem Aufstieg Chinas und dem Bedeutungszuwachs andere Weltregion schon lange vor 1990 absehbar drohte, konnte so nicht aufrechterhalten werden – wenn sie nicht schon vorher in weiten Teilen rhetorische Makulatur und innenpolitisch motiviert war. So war der Umgang mit den unterschiedlichen Konfliktparteien in Kambodscha und ihren jeweiligen Schutzmächten zu komplex, um sich in das „europäische“ Muster klarer Aushandlungsprozesse einfügen zu können. ASEAN als weiche regionale Klammer war hier das Dritte, das die Region trotz aller wirtschaftlichen und politischen Spannungen zusammenhielt – und regionale Konfliktlösungsangebote bot, wie in der Lösung des Kambodscha-Konflikts. Es war eben das Neutrale, die Inszenierung als nicht-involvierter Dritter, die ASEAN als politischer Figur den Gestaltungsraum gab, denn es wegen seiner institutionellen Schwäche eigentlich nach klassisch politikwissenschaftlichen Analysen nicht besitzen konnte. Dass die Realisierung der Handlungsfähigkeit dieser Figur entscheidend von den jeweiligen Kontexten abhing zeigen die vielen Beispiele, wo es eben nicht gelang, zu vermitteln (zum Beispiel im Irian-Jaya-Konflikt und Ost-Timor). Doch war auch deutlich stärker institutionalisierten Organisationenkein Erfolg beschert. Denn wie beim partiellen Vorbild und Ideengeber EWG/EU ging es ASEAN vor allem darum, ein dritter Raum, eine Gesprächsplattform zu sein, um in diesem Raum als Akteur, als Figur des Dritten, aktiv werden zu können. Und, so eine These meines Projektes, es waren die gemeinsamen Erfahrungen der Gründer in Zwischenkriegszeit und Zweitem Weltkrieg, die zur Entwicklung ähnlicher Organisationen und Formen führten.

12 Leave a comment on paragraph 12 0 Hier zeigen sich auch die Vorteile eines Analysekonzepts wie der der „Figur des Dritten“. Konzentrierte man sich zu sehr auf die oben erwähnten scheinbaren Widersprüche und Paradoxien findet man keine Erklärung für die Dauer und das Überleben dieser Organisationen. Die „Figur des Dritten“ bietet hier die Möglichkeit, neue Institutionenmodelle als Denkalternativen greifbar zu machen. Die Institutionen überlebten auch, da ihnen etwas Utopisches inhärent war. Sichtbar wird dies an dem Zeitraum nach 1990, als die Kooperation zwischen diesen Organisationen, besonders der EU und ASEAN, einen neuen Schwung erlebte und das berühmt-berüchtigte „Ende der Geschichte“ verkündet wurde. Die neuen Ideen, Programme und Kooperationen griffen aber nur deswegen so schnell, da man auf vorhergehende und gemeinsame politische Vorstellungen einer multipolaren Weltordnung einging. Die Idee eines „Endes der Geschichte“ und einer friedlichen, multipolaren Weltordnung im Übergang nach 1990 zeigen, dass sich ein schon vorher ideologisch und politisch angelegtes Modell durchsetzte. Insofern wurde das „Dritte“ zum „Ersten“, aber wirkmächtig eben nur, da es etwas Neues war, das die politische Arena veränderte.

13 Leave a comment on paragraph 13 0  

Literatur und Quellen

  • 14 Leave a comment on paragraph 14 1
  • Acharya, Amitav: The Making of Southeast Asia. International Relations of a Region, 2., überarb. Aufl., Ithaca, London 2013.
  • Aydin, Cemil: The Politics of Anti-Westernism in Asia. Visions of World Order in Pan-Islamic and Pan-Asian Thought, New York 2007.
  • Caballero-Anthony, Mely: Mechanisms of Dispute Settlement. The ASEAN Experience, in: Contemporary Southeast Asia 20 (1998) 1, S. 38-66.
  • Dalby, Simon: Writing critical geopolitics: Campbell, Ó Tuathail, Reynolds and dissident skepticism, in: Political Geography 15 (1996) 6/7, S. 655-660.
  • Dinkel, Jürgen: Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Genese, Organisation und Politik (1927-1992), Berlin, München 2015.
  • Frey, Marc: Dekolonisierung in Südostasien. Die Vereinigten Staaten und die Auflösung der europäischen Kolonialreiche. München 2006.Jones, David Martin: Security and Democracy. The ASEAN Charter and the Dilemmas for Regionalism in South-East Asia, in: International Affairs 84 (2008) 4, S. 735-756.
  • Knipping, Franz/Bunnag, Piyanart/Phatharodom, Vimolvan (Hg.): Europe and Southeast Asia in the Contemporary World. Mutual Influences and Comparisons, Baden-Baden 1999.
  • Körbs, Hartmut: Die Friedenssicherung durch die Vereinten Nationen und Regionalorganisationen nach Kapitel VIII der Satzung der Vereinten Nationen, Bochum 1997.
  • Lehmkuhl, Ursula: Pax Anglo-Americana. Machtstrukturelle Grundlagen anglo-amerikanischer Asien- und Fernostpolitik in den 1950er Jahren, München 1999.
  • Luhman, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft (2 Bd.), Frankfurt a. Main 1997.
  • Nischalke, Tobias Ingo: Insights from ASEAN’s Foreign Policy Co-Operation. The “ASEAN Way”, a Real Spirit or a Phantom?, in: Contemporary Southeast Asia 22 (2000) 1, S. 89-112.
  • Peou, Sorpong: The Subsidarity Model of Global Governance in the UN-ASEAN Context, in: Global Governance 4 (1998) 4, S. 439-459.
  • Prashad, Vijay: The Darker Nations: A People’s History of the Third World, New York 2007.
  • Rieger, Hans Christoph: The Treaty of Rome and its Relevance for ASEAN, in: ASEAN Economic Bulletin 8 (1991) 2, S. 160-172.
  • Roberts, Priscilla (Hg.): Behind the Bamboo Curtain. China, Vietnam, and the World beyond Asia, Washington, DC/Stanford 2006.
  • Selcer, Perrin: UNESCO, Weltbürger und Kalter Krieg, in: Greiner,Bernd/Müller, Tim B./Weber, Claudia (Hg.): Macht und Geist im Kalten Krieg, Hamburg 2011.
  • Speich Chassé, Daniel: Die „Dritte Welt“ als Theorieeffekt. Ökonomisches Wissen und globale Differenz, in: Geschichte und Gesellschaft 41 (2015) 4, S. 580-612.
  • Walter, Christian: Vereinte Nationen und Regionalorganisationen. Eine Untersuchung zu Kapitel VIII der Satzung der Vereinten Nationen, Berlin u.a. 1996.

15 Leave a comment on paragraph 15 0 [1] Siehe zum Beispiel das Review Essay von Simon Dalby; Dalby: Writing critical geopolitics..

16 Leave a comment on paragraph 16 0 [2] Im deutschsprachigen Raum hat diese Entwicklung am Konsequentesten Niklas Luhman zu Ende gedacht; siehe sein zweibändiges Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“.

17 Leave a comment on paragraph 17 0 [3] Zur Bewegung der Blockfreien siehe Dinkel: Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Zur generellen Dynamik der Zeit und dem Interesse an „autonomen Organisationen“ siehe Prashad: The Darker Nations.

18 Leave a comment on paragraph 18 0 [4] Siehe hierzu Walter: Vereinte Nationen und Regionalorganisationen; Körbs: Die Friedenssicherung durch die Vereinten Nationen und Regionalorganisationen; spezifischer Peou: The Subsidarity Model of Global Governance.

19 Leave a comment on paragraph 19 0 [5] Beispielhaft hat dies Perrin Selcer an den frühen Konflikten rund um die UNESCO veranschaulicht; siehe Selcer: UNESCO, Weltbürger und Kalter Krieg, v.a. S. 495.

20 Leave a comment on paragraph 20 0 [6] Dieses Essay ist Teil eines größeren Projektes zur multipolaren Weltordnung im „Kalten Krieg“, das sich mit den Wechselbeziehungen zwischen der EG und ASEAN seit deren Gründung beschäftigt. Es wird angenommen, dass solche regionalen Zusammenschlüsse eine eigene Agenda hatten, die sie außerhalb der Ost-West-Konfrontation stellten.

21 Leave a comment on paragraph 21 0 [7] Jürgen Dinkel zum Beispiel nennt sie die „Bewegung bündnisfreier Staaten“.

22 Leave a comment on paragraph 22 0 [8] Vgl. Dinkel: Bewegung Bündnisfreier Staaten, S. 2.

23 Leave a comment on paragraph 23 0 [9] Es gibt verschiedene Einführungen in die Geschichte ASEANS; die regionalen und kulturellen Bezüge werden besonders betont in Acharya: The Making of Southeast Asia.

24 Leave a comment on paragraph 24 0 [10] Zu den Verbindungen zwischen beiden Regionen, Europa und Südostasien, siehe unter anderem Rieger: The Treaty of Rome and its Relevance for ASEAN; Knipping/Bunnag/Piyanart/Phatharodom (Hg.): Europe and Southeast Asia in the Contemporary World.

25 Leave a comment on paragraph 25 0 [11] Mit einem etwas anderem Schwerpunkt Speich Chassé: Die „Dritte Welt“ als Theorieeffekt; zu den Pan-Bewegungen siehe Aydin: The Politics of Anti-Westernism in Asia.

26 Leave a comment on paragraph 26 0 [12] Zum „asiatischen Weg“ wurde viel geschrieben, besonders zu seinem Gebrauch durch den malaysischen Premierminister Mahatir; konkreter zu ASEAN Nischalke: Insights from ASEAN’s Foreign Policy Co-Operation; Caballero-Anthony: Mechanisms of Dispute Settlement; stärker anwendungsbezogen Jones: Security and Democracy.

27 Leave a comment on paragraph 27 0 [13] Siehe Roberts (Hg.): Behind the Bamboo Curtain.

28 Leave a comment on paragraph 28 0 [14] Lehmkuhl: Pax Anglo-Americana; Frey: Dekolonisierung in Südostasien.

Source: https://opr.degruyter.com/den-kalten-krieg-vermessen/andreas-weis-asean/