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Dieter H. Kollmer: Rüstung(-sgüterbeschaffung)

1 Leave a comment on paragraph 1 1 Wenn ein Staat sich entschieden hat, Streitkräfte aufzustellen und/oder zu erhalten, muss er diese mit zweckorientiertem Material ausstatten bzw. das vorhandene Gerät regelmäßig auf den neusten Stand der Militärtechnik bringen. Insbesondere Uniformen, Munition, militärisches Großgerät muss der Staat für sein Militär erwerben, aber auch der Bau, die Renovierung und die Ausstattung militärischer Infrastruktur muss finanziert und erhalten werden, wenn er sich dieses außenpolitische Exekutivorgan wirkungsvoll erhalten will. Dies gilt verstärkt, wenn es eine konkrete militärische Bedrohung durch zum Beispiel sich antagonistisch gegenüberstehende Staaten und Staatenbündnisse gibt. Umso größer die Bedrohung für die staatliche Souveränität ist, desto eher wird die Gesellschaft bereit sein, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen fiskalische Mittel für den eigenen Schutz einzusetzen. Während des Kalten Krieges befanden sich die beteiligten europäischen und nordamerikanischen Staaten in genau dieser Situation. Es liegt nahe, dass die beiden großen Bündnisse, die nicht nur zwei gegensätzliche politische Ideologien vertraten, sondern auch eine konkrete ökonomische Umsetzung des Politischen vorantrieben, ebenfalls bei der Beschaffung des Materials für die Streitkräfte eine jeweils einheitliche, konsolidierte Linie verfolgten.

2 Leave a comment on paragraph 2 0 Die radikale binäre Logik des Kalten Krieges als leitendes Kriterium für die Ordnung der Welt, die in jenen Jahren vermeintlich immer wieder in einem „Entweder-Oder“ mündete, kann für den Bereich der Rüstungsgüterbeschaffung insbesondere vor dem Hintergrund neuster Forschungsergebnisse[1] jedoch nicht konstatiert werden. Auch wenn dies zunächst einmal überraschend klingen mag, dass dies gerade in diesem sicherheitspolitisch und zugleich ideologisch bedeutenden Bereich nicht als handlungsleitendes Paradigma gedient haben soll, gibt es doch eine Vielzahl von Argumenten, die diese These stützen. Sie sind im Wesentlichen politischer, ökonomischer, struktureller sowie ideologischer Natur. Um diese Gründe genauer erörtern zu können, muss zunächst die Frage geklärt werden, wozu die Beschaffung von militärischem Material während des Kalten Krieges grundsätzlich diente und welche nationalen Eigenheiten es hierbei gab. Darauf aufbauend erscheint es sinnvoll, einen genaueren Blick auf das Konstrukt „Kalter Krieg“ und seine Besonderheiten zu werfen. Gleiches gilt für die Ordnungssysteme der Rüstung, nationale Eigenheiten sowie mögliche Nischen und Lücken beim Erwerb von militärischen Gütern in der von der Literatur häufig unterstellten binären Ordnung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wozu dient(e) die Rüstungsgüterbeschaffung den Staaten?

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Grundsätzlich dient die Beschaffung von Rüstungsgütern jedem Staat ursächlich als Mittel zur Selbstbehauptung gegen eine gewaltsame Einflussnahme von außen, sei es durch Kriegsverhütung mittels Abschreckung oder eigene Kriegführung. In der hier zu betrachtenden Periode in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen verschiedene Faktoren hinzu, die zwar schon seit Jahrhunderten eine Rolle in diesem Prozess gespielt haben[2], die sich aber in dieser speziellen historischen Konstellation auf besondere Art und Weise auswirkten.

4 Leave a comment on paragraph 4 0 Hauptsächlich zur Erfüllung ihrer Bündnisverpflichtungen – oder bei den neutralen Staaten zur Absicherung ihres Status – entwickelten die verschiedenen Staaten auf der Basis ihrer nationalen Rahmenbedingungen konkrete, zum Teil sehr unterschiedliche Methoden zur Beschaffung von militärischem Material und Dienstleistungen. Wobei gerade in diesem Zusammenhang die nationalen Interessen und rechtlichen, strukturellen und haushälterischen Rahmenbedingungen der einzelnen Player Ost wie West eine häufig unterschätzte Rolle spielten. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen viele der kleineren Staaten häufig und gerne die materielle Unterstützung des großen „Beschützers“ in Anspruch. Dementsprechend war die Ausrüstung der verschiedenen Streitkräfte dies und jenseits des Eisernen Vorhangs in den 1950er und frühen 1960er Jahre noch sehr amerikanisch und sowjetisch geprägt. Einige neutrale Staaten (z.B. Österreich und Finnland) hatten eine bunte Mischung von Fabrikaten aus beiden Lagern. Dabei ging es weniger darum, dass beste und günstigste militärische Fabrikat für die Streitkräfte zu besitzen, als vielmehr um für einen außenhandelspolitischen Ausgleich zwischen den Blöcken zu sorgen und die eigene Neutralität und Souveränität zu erhalten. Zudem gab es im westlichen Bündnis zwei Staaten, die aufgrund ihres historischen Anspruchs, ihrer Kolonialbesitzungen, ihres Atomwaffenarsenals und eines ständigen Sitzes im UN-Sicherheitsrat immer noch den Anspruch hegten in der Weltpolitik eine mitbestimmende Größe zu sein. Auch wenn heutzutage nicht mehr alle genannten Gründe zutreffend sein mögen, so stellen Frankreich und Großbritannien trotzdem seit jeher einen Großteil ihrer Rüstungsgüter selbst oder in enger Kooperation mit sorgfältig ausgesuchten Partnern her.[3] Zudem haben es beide Länder seit jeher nur bedingt unterbunden, dass die nationalen Rüstungsunternehmen militärische Waren und Dienstleistungen weltweit und nicht nur in ihre (ehemaligen) Kolonien exportieren.[4]

5 Leave a comment on paragraph 5 1 Das Königreich Schweden bildete in der ganzen Entwicklung die große Ausnahme. Das skandinavische Land war ein neutraler Staat, der aber während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren kurz danach erstaunliche Rüstungskapazitäten aufgebaut hatte.[5] Die vorhandenen Produktionsstätten und das umfangreiche technische Know-how nutzten die Schweden während des Kalten Krieges dazu, den Wohlstand des Landes durch einträgliche Rüstungsexporte in die ganze Welt zu mehren. Zusätzlich unterstützt wurde dies durch den Rohstoffreichtum des Landes, Einfallsreichtum schwedischer Ingenieure, modernste Verarbeitungsmethoden („Schwedenstahl“) und der Fähigkeit einiger Politiker und schwerreicher Industrieller die Logiken des Kalten Krieges geschickt zu nutzen. Einige der bekanntesten schwedischen Industrieunternehmen (u.a. Ericsson, Volvo, Saab, Bofors, Scania, Nobel, Electrolux) waren Rüstungsunternehmen mit mehr oder minder großen zivilen Sparten. Überspitzt formuliert nutzte Schweden die Logiken des Kalten Krieges zur Stabilisierung und den Ausbau der eigenen Volkswirtschaft und zur Subvention des großzügigen schwedischen Sozialstaates.

6 Leave a comment on paragraph 6 3 Ab Mitte der 1960er Jahre beschritten dann nicht nur die drei letztgenannten Staaten eigene Wege. Wie bereits erwähnt waren viele blockfreie und neutrale Staaten schon sehr früh darum bemüht gewesen, bei der Beschaffung von Wehrmaterial, möglichst geschickt und flexibel zwischen den Blöcken zu agieren, damit sie einerseits ihre Streitkräfte möglichst effizient und kostengünstig ausrüsten konnten und andererseits ihre Neutralität dabei nicht in Frage gestellt wurde. Darüber hinaus fingen einige Warschauer Pakt- und NATO-Staaten neben Lizenzproduktionen[6], zunächst hauptsächlich in der Schiffs-, Panzer- und Handwaffen-, später auch in der Flugzeugproduktion entsprechend ihres Know-hows, ihrer Kapazitäten und der finanziellen Möglichkeiten eigene Rüstungsindustrien aufzubauen, indem sie die heimische Entwicklung und Produktion von militärischem Gerät gezielt förderten. Die Herstellung der persönlichen Ausrüstung der Soldaten, der Bau und die Instandhaltung der militärischen Infrastruktur sowie die Produktion militärischen Kleingeräts und Zubehörs erfolgte zumeist durch Unternehmen der jeweiligen Staaten.

7 Leave a comment on paragraph 7 0 In Westdeutschland entwickelte sich in diesen Jahren aufgrund der im Wirtschaftswunder wiedererstarkten Schwer- und Elektroindustrie eine der größten und leistungsstärksten westeuropäischen Rüstungsindustrien, die in den nachfolgenden Jahren im großen Stil insbesondere NATO-Partner mit modernster Waffentechnik Made in Germany belieferte. Neben Italien und Polen nutzten auch kleinere Staaten wie die Niederlande, Belgien, die Tschechoslowakei, Österreich, Jugoslawien, Israel und die DDR Nischen in der Rüstungsproduktion, die sich in diesen Jahren ergaben. Dementsprechend passte sich auch die Rüstungsgüterbeschaffung der Staaten an das neue Marktumfeld und das deutlich diversifizierte Angebot des Rüstungsmarktes an.

8 Leave a comment on paragraph 8 0 In einigen der führenden Industriestaaten, insbesondere in den USA, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien war die Beschaffung von Wehrmaterial ein bedeutender Bestandteil der nationalen Identität. Nicht nur, dass mit diesem Material die eigenen, für die Außenpolitik dieser Länder zentralen Streitkräfte ausgestattet wurden, sondern Rüstung war auch ein Teil der Selbstbestätigung der eigenen technischen Fähig- und Möglichkeiten, der politischen Unabhängigkeit und der militärischen Machtprojektion. Um dies zweifelsfrei sicherstellen zu können, kooperierten in diesen Staaten Politik, Wirtschaft und Militär bei der Entwicklung und Beschaffung von Rüstungsgütern für die nationalen Streitkräfte sehr eng miteinander. Unterstützt wurden sie dabei häufig von so genannten Think Tanks und universitären Instituten, die in militärrelevanten Forschungsbereichen tätig waren. Diese Zusammenarbeit wird in der Literatur zumeist als Militärisch-Industrieller Komplex[7] bezeichnet.

9 Leave a comment on paragraph 9 0 Über den Außenhandel konnte diese Staaten Rüstungsgüter außerdem als Mittel der Außen- und Sicherheitspolitik einsetzen. Staaten, die nicht den beiden Bündnissen angehörten, wurden über den Import von militärischem Gerät und/oder Dienstleistungen zumindest moralisch an das jeweilige, liefernde Lager gebunden.

10 Leave a comment on paragraph 10 3 Bereits vor diesem Hintergrund lässt sich erkennen, dass die Entwicklung, Produktion und letztlich Beschaffung von Rüstungsgütern während des Kalten Krieges nicht einem binären Ordnungssystem folgte, vielmehr gab es multiple Gründe dafür, wie ein Staat die Ausstattung und Einsatzfähigkeit seiner Streitkräfte sicherstellte. Bemerkenswert ist dabei zweifelsohne, dass es nur eine untergeordnete Rolle spielte, welchem der Blöcke der einzelne Staat angehörte.

Welche Faktoren haben den Prozess der Rüstungsgüterbeschaffung beeinflusst?

11 Leave a comment on paragraph 11 0 Im Gegensatz zu der eigentlichen Ratio, dass Rüstungsgüter primär unter sicherheitspolitischen und militärischen Gesichtspunkten beschafft werden, spielen häufig andere Faktoren eine größere Bedeutung in diesem komplexen Prozess. Dies liegt insbesondere daran, dass wirtschaftliche Prosperität und militärisches Potenzial Instrumente wie Ziele des modernen Industriestaates sind. Beide stehen aber in einem intensiven Spannungsverhältnis zueinander: Langfristig ist vor allem wirtschaftliche Leistungsfähigkeit die Voraussetzung für militärische Stärke. Staatsnachfrage hingegen ist ein politisches Lenkungsinstrument. Die Ausgaben für Streitkräfte orientieren sich daher häufig nicht so sehr an einem „rüstungsspezifischen Optimierungsprozess“[8] als vielmehr an Fragen der Außen-, Sicherheits-, Finanz-, Wirtschafts- und Außenhandelspolitik. Gleichwohl sind die sekundären Funktionen der Rüstung legitime Staatszwecke, die aber in nachhaltiger Konkurrenz zu ihren eigentlichen Zielen stehen.[9]

12 Leave a comment on paragraph 12 0 Die Diversifikation der Beschaffung von militärischem Material für die jeweiligen Streitkräfte folgte demnach auch im Kalten Krieg grundsätzlich zunächst spezifisch nationalen, politischen Vorgaben. Selbstverständlich unterschied sich die Rüstungsgüterbeschaffung in marktwirtschaftlich aufgestellten Staatswesen grundsätzlich von denen in planwirtschaftlich organisierten. Aber auch zwischen den Staaten innerhalb den verschiedenen Gruppierungen während des Kalten Krieges (NATO, Warschauer Pakt, blockfreie und neutrale Staaten), gab es zum Teil erhebliche Divergenzen zwischen den Wegen die beschritten wurden, um die eigenen Streitkräfte entsprechend der Vorgaben der Bündnisse oder des eigenen Sicherheitsbedürfnisses auszustatten.

13 Leave a comment on paragraph 13 1 So waren z.B. in den USA, der Sowjetunion und Schweden (sic!) die Militärisch-Industriellen Komplexe während des Kalten Krieges von staatstragender Bedeutung.[10] Folglich beeinflusste in diesen Ländern die Entwicklung und Herstellung von militärischem Material in erheblichem Maß andere Politik- und Wirtschaftsfelder. Im Gegensatz dazu bemühten sich Staaten wie die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und die Schweiz darum, die Beschaffung von Rüstungsgütern ordnungspolitisch zu steuern. Kleinere Staaten, die entweder wenig oder gar keine Produktion von Rüstungsgütern (wie z.B. Dänemark oder die DDR) betrieben, waren gezwungen diese zu importieren, hatten dafür aber nur geringe politische Probleme in diesem Bereich. Gleichwohl benötigten sie dringend politische Instrumente, um nicht von den Produzenten bzw. produzierenden Staaten übervorteilt zu werden. Dementsprechend argumentierten die Regierungen dieser Länder z.B. immer wieder entlang der Bündnisverpflichtungen, denen sie nur gerecht werden könnten, wenn ihnen das dazu notwendige Material entsprechend ihrer volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit geliefert werden würde.

14 Leave a comment on paragraph 14 1 Mithin lässt sich feststellen, dass im Kalten Krieg der politische, ideologische und institutionelle Überbau für die Beschaffung von Rüstungsgütern durch die Blöcke gegeben war. Die Rüstungsprozesse darunter wurden hingegen von den nationalen Rahmenbedingen, der ökonomischen Leistungsfähigkeit und den verschiedenen rüstungswirtschaftlichen Ordnungssystemen geprägt, auf die der Überbau nur bedingt Einfluss hatte.

Ideologischer Überbau, nationale Eigenheiten und rüstungswirtschaftliche Ordnungssysteme

15 Leave a comment on paragraph 15 1 Die meisten Staaten der Weltgemeinschaft konnten während des Kalten Krieges vermeintlich einer der beiden gegensätzlichen Kategorien Planwirtschaft oder Marktwirtschaft zugeordnet werden. Zumindest für die Mitglieder der beiden großen Bündnisse in der nördlichen Hemisphäre ist dies nach heutigem Kenntnisstand zutreffend. Die Staaten des Warschauer Paktes waren aber nicht nur planwirtschaftlich organisiert, sie mussten sich zusätzlich bei der Produktion, beim Export und beim Import sämtlicher Waren mit der Sowjetunion (und untereinander) abstimmen. Dies war grundsätzlich auch für die Produktion von Rüstungsgütern vorgesehen.  In diesem besonderen Wirtschaftszweig kam hinzu, dass die Planung und Entwicklung derselben von den strategisch-operativen Planungen des Warschauer Paktes und der Aufgabe des jeweiligen Staates in diesem System abhängig waren. Gleiches galt im Übrigen auch für die NATO, nur das in diesem Bündnis die Entwicklung und Produktion von militärischem Material lediglich im Einzelfall untereinander abgestimmt wurden, da die Staaten prinzipiell den Gesetzen des freien Marktes folgten. Die blockfreien und die neutralen Staaten wiederum entwickelten hierbei sehr unterschiedliche Logiken. Dies war zumeist abhängig von ihren eigenen volkswirtschaftlichen Möglichkeiten der politischen und/oder regionalen Verankerung des jeweiligen Landes (so z.B. der Schweiz und Syriens).

16 Leave a comment on paragraph 16 3 Durchbrochen wurden diese binären Ansätze (Plan vs. Markt, NATO vs. Warschauer Pakt vs. Blockfreie) durch die nationalen Eigenheiten und Freiheiten, die diese Länder hatten oder im Laufe der Zeit entwickelten. Im Warschauer Pakt waren dies u.a. die Produktion von Rüstungsgütern in Lizenz, je nach Produktionskapazitäten oder die eigenständige Entwicklung von Waffensystemen abgestimmt auf den Auftrag im Bündnis, wie z.B. die Produktion von Schnell- und Spezialbooten für die Nationale Volksmarine. Noch deutlicher ausgeprägt war dies in der NATO und bei den blockfreien sowie den neutralen Staaten. Im Rahmen der volkswirtschaftlichen Möglichkeiten, der zur Verfügung stehenden Ressourcen und dem finanziellen Handlungsrahmen gestaltete jeder dieser Staaten vor dem Hintergrund seiner sicherheitspolitischen Bedürfnisse und Zwänge eine eigene Beschaffungspolitik. Dabei waren die Gestaltungsmöglichkeiten und Spielräume für Staaten mit eigner Rüstungsproduktion erheblich größer als für die Regierungen, die ihren Bedarf an militärischem Material und Dienstleistungen überwiegend durch Importe abdecken mussten. Aber auch diese entwickelten im Laufe der Zeit marktkonforme Methoden, um als Monopson durch die marktbeherrschenden Anbieter vor allem aus den USA und der Sowjetunion nicht übervorteilt zu werden.

17 Leave a comment on paragraph 17 2 In der Zeit des Kalten Krieges entwickelten sich grundsätzlich zwei rüstungswirtschaftliche Ordnungssysteme. Dies war zunächst der vorwiegend während des Zweiten Weltkriegs entwickelte Militärisch-industrielle Komplex (MIK) und der in den Jahren des Kalten Krieges entstandene Rüstungsinterventionismus (RI). Wie neuste Studien[11] nahe legen, gab es diese Organisationsformen in allen Blöcken des Kalten Krieges in sehr unterschiedlicher Ausprägung.[12] In den Ländern, in denen ein Militärisch-Industrieller Komplex existierte, kooperierten Politik, Wirtschaft und Militär bei der Entwicklung und Beschaffung von Rüstungsgütern für die nationalen Streitkräfte sehr eng miteinander, um die quantitative wie qualitative Versorgung der eigenen Streitkräfte mit hochwertigen Waffensystemen und militärischen Dienstleistungen sicherzustellen. Zwischen den beteiligten Institutionen eines MIK gibt es eine sehr hohe Durchlässigkeit von Personal, Informationen, Geldflüssen und Ressourcen. Ein MIK ist grundsätzlich nur in Staaten entstanden, die eine eigene bedeutende Rüstungsindustrie aufgebaut hatten, welche in der Lage ist, selbstständig den Großteil der für die nationalen Streitkräfte erforderlichen modernen Waffensysteme zu entwickeln und herzustellen.

18 Leave a comment on paragraph 18 2 Die Länder, in denen es aufgrund der fehlenden Tradition in der Waffenherstellung oder auch geringen Größe und Bedeutung der nationalen Streitkräfte, sowie der Größe und Struktur der eigenen Volkswirtschaft nur eine kleine oder gar keine Rüstungsindustrie gab, waren von Rüstungsimporten abhängig. Um mit den international agierenden Rüstungskonzernen angemessen verhandeln zu können, haben eine Vielzahl dieser Staaten Beschaffungsstrukturen und -richtlinien geschaffen, die die eigene Position stärken und eine Form von Wettbewerb zwischen den verschiedenen Anbietern bewirken – jeweils auf der Basis der jeweiligen nationalen politischen und rechtlichen Besonderheiten – dies galt im Übrigen während des Kalten Krieges für marktwirtschaftlich organisierte Staaten ebenso wie für Zentralverwaltungswirtschaften.  Dieses Ordnungssystem basiert auf der Lenkung und Beschränkung der Verteidigungsausgaben durch politisch-rechtliche Rahmenbedingungen sowie den fallweisen Eingriff des Staates in rüstungswirtschaftliche Prozesse, um wichtige volkswirtschaftliche Globalgrößen im Sinne der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt entlang der jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen positiv zu beeinflussen. Dabei geht es auch um die immer wieder im politischen Raum geforderte „Einhegung profitgetriebener (Rüstungs-) Dynamiken“[13]. In Abgrenzung zu dem bekannten Begriff des MIK und in Anlehnung an den ordnungspolitischen Begriff des Staatsinterventionismus wird diese Methode der Rüstungsgüterbeschaffung „Rüstungsinterventionismus“ genannt.

Hinweise auf mögliche Lücken

19 Leave a comment on paragraph 19 5 Auch wenn der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West vorzugsweise in Bezug auf Rüstungsgüter besonders undurchlässig erschien, gab es doch konkrete Rüstungsgeschäfte zwischen dem Warschauer Pakt und blockfreien sowie neutralen Regierungen. Insbesondere die blockfreien Staaten mit sozialistischen Staatsformen, erwarben einen Großteil ihres Militärgerätes bei Anbietern aus dem Warschauer Pakt. Aber auch neutrale Staaten, wie z.B. Finnland und Österreich, beschafften einen Teil der Waffensysteme für ihre Streitkräfte in der Sowjetunion, um u.a. die eigene Neutralität zu unterstreichen. Besonders kurios erscheinen – bisher noch nicht nachhaltig nachgewiesene – Rüstungsgeschäfte des „Bereichs der Kommerziellen Koordinierung“ (KoKo). Diese Abteilung des Ministeriums für Außenhandel der DDR, die vor allem für die Beschaffung von Devisen zuständig war, hat vermutlich in einem vergleichsweise kleinen Rahmen in der DDR produzierte militärische Mengenverbrauchsgüter wie z.B. Uniformen und Büroeinrichtungen für Devisen in die Bundesrepublik Deutschland veräußert. Gleichzeitig soll sie dringend benötigte Militärtechnologie über Tarnfirmen für die DDR in Westeuropa erworben haben.[14] Die Aufarbeitung dieser Zusammenhänge ist trotz der umfangreichen Aktenbestände bei der  Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik  (BStU) immer noch ein Desiderat.

20 Leave a comment on paragraph 20 0 Rüstungsgeschäfte zwischen NATO-Staaten und blockfreien sowie neutralen Staaten waren im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung systemimmanente Prozesse. Dementsprechend erwarben die Staaten ihren rüstungswirtschaftlichen Ordnungssystemen folgend, die militärischen Waren und Dienstleistungen bei dem Anbieter, der den nationalen Anforderungen am besten entsprach.

 „Figur des Dritten“ in der Rüstung – Eine (Kurz-)Zusammenfassung

21 Leave a comment on paragraph 21 1 Die radikale binäre Logik des Kalten Krieges als leitendes Kriterium für die Ordnung der Welt, die vermeintlich immer wieder in einem „Entweder-Oder“ mündete, kann für den Bereich der Rüstungsgüterbeschaffung also wirklich nicht konstatiert werden. Zu eng verwoben sind in den Beschaffungsabläufen für militärische Waren und Dienstleistungen die Prozesse zwischen Anbietern und Nachfragern. Dies lag sicherlich auch an dem Handelsgegenstand, der für die meisten Staaten in der Zeit des Kalten Krieges von  substanzieller, staatserhaltender Bedeutung war. Dementsprechend musste jede Regierung vor dem Hintergrund der jeweiligen volkswirtschaftlichen Ordnung und den sicherheitspolitischen Herausforderungen eine angemessene Methode für  die Rüstungsgüterbeschaffung finden. Diese folgten aber keiner binären Logik, zumal das zwangsläufige Dritte in diesem Untersuchungsfall – die Logik ökonomischer Strukturen und Prozesse – sich aufgrund ihrer vielschichtigen Mechanismen nicht in den engen Rahmen des „Entweder-Oder“ pressen lässt.[15]

22 Leave a comment on paragraph 22 0  

Literatur

  • 23 Leave a comment on paragraph 23 0
  • Bode, Hans-Günther: Politische, militärische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ihr Einfluss auf die Rüstung der Bundesrepublik Deutschland, in: Benecke, Theodor/Schöner, Günther Wehrtechnik für die Verteidigung. Bundeswehr und Industrie. 25 Jahre Partner für den Frieden, München 1980, S. 13-38.
  • Brand, Ulrich: Wachstumskritik. Das bornierte Streben nach Profit, faz.net vom 27.07.2014, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wachstumskritik-das-bornierte-strebennach-profit-13047404-p3.html (01.11.2016).
  • Geyer, Michael: Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980, Frankfurt a.M. 1984.
  • Hennes, Michael: Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 46 (2003), S. 41-46.
  • Koistinen, Paul A.C.: The Military-Industrial Complex: A Historical Perspective, New York 1980.
  • Kollmer, Dieter H. (Hg.): Militärisch-Industrieller Komplex? Rüstung in Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg. Herausgegeben für das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Freiburg 2015.
  • Kollmer Dieter H.: Militärisch-Industrielle Komplexe vs. Rüstungsinterventionismus. Rüstung in Europa und Nordamerika nach 1945 im Vergleich, in: ders. (Hg.): Militärisch-Industrieller Komplex? Rüstung in Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg. Herausgegeben für das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Freiburg 2015, S. 6-28.
  • Krewer, Peter: Geschäfte mit dem Klassenfeind. Die DDR im innerdeutschen Handel 1949–1989, Trier 2008.
  • Louth, John: British Defence Procurement and Industry’s Responses. The Journey to Today, in: Kollmer, Dieter H. (Hg.): Militärisch-Industrieller Komplex? Rüstung in Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg. Herausgegeben für das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Freiburg 2015, S. 77-92.
  • Mills, C. Wright: “Power Elite”, New York 1956.
  • Sterling Michael Pavelec (Ed.): The Military-Industrial-Complex and American Society. Santa Barbara 2010.
  • Priddat, Birger P.: Politikberatung. Prozesse, Logik und Ökonomie, Marburg 2009.
  • Roland,  Alex: The Military-Industrial-Complex, Washington D.C. 2002.
  • Seiller, Florian: „Zusammenarbeit kann man das nicht nennen!“? Die Anfänge der deutsch-französischen Rüstungskooperation im konventionellen Bereich, 1955-1966, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift,  67 (2008) 1, S. 53-104.
  • Stenlas, Niklas: Rise an Decline of Sweden’s Military-Industrial Complex, in: Kollmer, Dieter H. (Hg.): Militärisch-Industrieller Komplex? Rüstung in Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg. Herausgegeben für das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Freiburg 2015, S. 239-264.

24 Leave a comment on paragraph 24 0 [1] Siehe hierzu vor allem: Kollmer (Hg.): Militärisch-Industrieller Komplex?

25 Leave a comment on paragraph 25 0 [2] Siehe hierzu u.a.: Geyer: Deutsche Rüstungspolitik.

26 Leave a comment on paragraph 26 0 [3] Frankreich hat immer wieder gerne mit der Bundesrepublik kooperiert, siehe hierzu vor allem: Seiller, „Zusammenarbeit kann man das nicht nennen!“. Großbritannien hat in den vergangenen 20 Jahren aufgrund des Niedergangs der heimischen Industrie immer weniger Rüstungsproduktionskapazitäten. Mittlerweile sind alle Tätigkeitsfelder im international agierenden Konzern BEA-Systems zusammengefasst. Siehe hierzu u.a.: Louth: British Defence Procurement and Industry’s Responses.

27 Leave a comment on paragraph 27 0 [4] Siehe hierzu den jährlichen Report des Stockholmer Instituts für Friedensforschung (SIPRI), den man auf der Homepage der renommierten Einrichtung bis in das Jahr 1968 zurückverfolgen kann. Siehe hierzu: https://www.sipri.org/yearbook/archive (01.11.2016).

28 Leave a comment on paragraph 28 1 [5] Hier und im Folgenden siehe u.a.: Stenlas: Rise an Decline of Sweden’s Military-Industrial Complex.

29 Leave a comment on paragraph 29 0 [6] Die Lizenzproduktion fand hauptsächlich in der Tschechoslowakei, in Polen, Italien, Belgien, den Niederlanden und den beiden deutschen Staaten statt; später kamen noch Großbritannien und Spanien hinzu.

30 Leave a comment on paragraph 30 0 [7] Über den Militärisch-Industriellen Komplex (MIK) sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Studien publiziert worden. Im Laufe der Jahre haben sich weltweit verschiedene Theorien zu diesem Bereich der Staatsnachfrage entwickelt. Exemplarisch seien hier einige Veröffentlichungen genannt, die sich mit dem MIK in den USA auseinander gesetzt haben: Hennes: Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA; Koistinen: The Military-Industrial Complex;  Mills: „Power Elite“; Pavelec: The Military-Industrial-Complex and American Society; Roland: The Military-Industrial-Complex.

31 Leave a comment on paragraph 31 0 [8] Hiermit sind der militärische Zweck, die technischen Realisierungsmöglichkeiten und die finanziellen Vorgaben gemeint. Hierzu siehe: Bode: Politische, militärische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

32 Leave a comment on paragraph 32 0 [9] Zur Problematik der Einflussfaktoren bei der Beschaffung von militärischem Material und Dienstleistungen siehe u.a.: Kollmer: Militärisch-Industrielle Komplexe vs. Rüstungsinterventionismus.

33 Leave a comment on paragraph 33 0 [10] Siehe hierzu und im Folgenden die entsprechenden Länderkapitel in: Kollmer (Hg.): Militärisch-Industrieller Komplex?.

34 Leave a comment on paragraph 34 0 [11] Kollmer: Militärisch-Industrielle Komplexe.

35 Leave a comment on paragraph 35 0 [12] Kollmer: Militärisch-Industrielle Komplexe, S. 14-18.

36 Leave a comment on paragraph 36 0 [13] Siehe hierzu u.a.: Brand: Wachstumskritik.

37 Leave a comment on paragraph 37 0 [14] Krewer: Geschäfte mit dem Klassenfeind.

38 Leave a comment on paragraph 38 0 [15] Siehe hierzu u.a. Priddat: Politikberatung.

Source: https://opr.degruyter.com/den-kalten-krieg-vermessen/dieter-h-kollmer-rustung-sguterbeschaffung/