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Frank Reichherzer: Trilateral Commission

1 Leave a comment on paragraph 1 0 Den Anfang nehmen Geschichten wie diese oft in der von teurem Alkohol geschwängerten Atmosphäre mondäner Hotelbars oder in exklusiven Flughafenlounges oder wie im Fall der Trilateral Commission (TC) an Bord eines Jumbo-Jets irgendwo über dem Nordatlantik. Es ist das Jahr 1972. Zwei Männer sind auf dem Weg von den USA nach Europa. Die beiden Herren vertreiben sich die Flugzeit wahrscheinlich mit ausgezeichneten Cocktails, plauschen wohl über Politik, Wirtschaft, Sport und sicherlich auch über die Probleme der Welt im Ganzen. Das Ziel ihrer Reise ist das belgische Nordseebad Knooke, wo beide an der ‚Bilderberg-Konferenz‘ teilnehmen werden – eines jener geheimnisumwobenen Treffen der transatlantischer Eliten.

2 Leave a comment on paragraph 2 1 Der eine der Männer ist David Rockefeller – Milliardär, erfolgreicher Banker, Philanthrop, Mitglied in vielen der zahlreichen außenpolitisch orientierten Councils und Committees der USA und nicht zuletzt ausgezeichneter Organisator von Partys. Letzteres bezieht sich vor allem auf die Pflege und den Aufbau von Kontakten und Freundschaften oder mehr ins analytische gerückt – von Netzwerken. Rockefeller ist das Fliegen gewöhnt. Gerade ist er durch die euro-atlantische Welt gejettet, hat Vorträge gehalten und intensive Gespräche geführt. Seine Reisen waren getrieben von einem ernsten Anliegen. Für Rockefeller schien die nach 1945 von den USA etablierte und dominierte politische, ökonomische und kulturelle Ordnung – für die die Chiffre ‚Der Westen‘ stand – in einer tiefen Krise zu stecken. Rockefeller konstatierte, dass das Projekt des Westens gefährliche Risse zeige und dass der Zusammenhalt der westlichen Industrienationen, unter die er die Staaten Westeuropas, Nordamerikas und ausdrücklich Japan zusammenfasste, stark im Schwinden sei. Rockefellers Therapie für die Heilung oder wohlmöglich Neu(er)findung des Westens war ein ebenso einfaches wie bewährtes Mittel: intensiver multilateraler Austausch zum Zweck der Koordination. Seine Idee einer ‚International Commission for Peace and Prosperity‘, als Rahmen, um Austausch und Abstimmung zu organisieren, scheint zwar auf den ersten Blick sehr schwammig. Doch die Floskeln ‚Frieden‘ und ‚Wohlstand‘ drücken präzise Rockefellers Gedanken aus. Zum einen sind sie die zentralen Schlagworte einer liberal gedachten (Welt-)Ordnung. Zum anderen lässt die offene Bezeichnung erkennen, das Rockefellers Anliegen nicht auf einen bestimmten Bereich global orientierter Politik begrenzt war.[1]

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Der zweite Fluggast, der uns auf die Spur der TC führt, ist Zbigniew Brzezinski. ‚Zbig‘ wie ihn ehrfürchtig seine Freunde und Gegner nennen, war eine der bekanntesten Analysten des Kalten Krieges, Osteuropaexperte und zentrale Figur und Ideengeber in der außen- und sicherheitspolitischen Community der USA. Brzezinski hatte in einem seiner Bücher auf eindrucksvolle Weise die Stimmung und den Zeitgeist im Umfeld global denkender Eliten im Übergang der 1960er zu den 1970er Jahren eingefangen und zum Ausdruck gebracht. Der Titel – ‚Between Two Ages‘ – bringt den Inhalt klar auf den Punkt. Das Buch ist Problem- und Gegenwartsdiagnose pur. Was sich unter dem Etikett von ‚68‘ als Revolte der Gegenkultur an vielen über die Welt verteilten Schauplätzen zeigt, findet bei Brzezinski eine im Establishment der westlichen Industrienationen entsprechende Manifestation. An vielen Stellen in Brzezinskis Text zeigt sich das diffuse Gefühl, in einer Zeit zu leben, in der Gewissheiten verloren gehen, in einer Zeit, die von Uneindeutigkeiten, Überlagerungen und Widersprüchen gekennzeichnet ist. In neuen Technologien und damit verknüpft einer neuen Welle globaler Vernetzung identifiziert Brzezinski den Motor dieser Transformation planetarischen Ausmaßes. In seiner Konsequenz stellte dieser andauernde Prozess der Neukonfiguration der Gegenwart die etablierten Gewissheiten und Orientierungspunkte der Nachkriegsordnung in ihrem Kern in Frage. Aber nicht nur das. Brzezinski entwickelt auch Möglichkeiten, ‚Welt‘ neu zu verstehen und zu ordnen. So zeigt er sich in ‚Between Two Ages‘ wenig geschockt von (noch) nicht begreifbaren Globalen.[2] Sein Buch ist kein Abgesang auf die ‚gute alte Zeit ‘, im Stile der pessimistischen ‚Decline-Literatur‘ dieser Jahre, die sich nicht nur in den USA finden lässt. Das Buch strahlt durchaus Optimismus aus, indem es Ansätze zum vermeintlich richtigen ‚Management‘ von Globalisierung oder präziser in der Sprache der Zeit – von ‚Interdependenz‘ – bietet.

4 Leave a comment on paragraph 4 1 Ideen wie Brzezinski und Rockefeller sie vertraten, trafen am Anfang der 70er Jahre den Nerv der Zeit. Versuche, ihre Konzepte in bereits existierende Elitezirkel und transatlantische Netzwerke der Kalten-Kriegs-Ära einzuspeisen lösten allerdings gemischte Reaktionen aus. Folgt man dem Gründungsmythos der TC dann wechselt nun die Szene von einem Flugzeug über dem Atlantik zu einem Landsitz in die Nähe von New York City. Rockefeller und Brzezinski beschlossen Gleichgesinnte zu einem zwanglosen Treffen einzuladen, um für ihre Ideen und Ziele zu werben. Im Frühsommer 1972 trafen sich daher einflussreiche Persönlichkeiten aus den USA, Kanada, Japan und aus den EWG-Ländern (plus Norwegen)[3] zu Gesprächen und beschlossen die TC zu gründen.[4]

5 Leave a comment on paragraph 5 0 Die wesentlichen Elemente, die für die Tätigkeit der TC wichtig wurden, lassen sich bereits in der Geschichte unsere beiden Protagonisten erkennen. Diese Fäden gilt es nun aufzugreifen, sie zu vertiefen und sie schließlich mit dem Kontext des Kalten Krieges zu verweben. Das heißt: die Konzeption und Arbeit der Kommission während der 1970er und 1980er Jahre zu skizzieren; diese mit Blick auf ihr Verhältnis zum Ordnungssystem des Kalten Krieges zu befragen; nach ‚Figuren des Dritten‘[5] Ausschau zu halten und: damit den Kalten Krieg zu vermessen.

Da ist was nicht in Ordnung – Unbehagen, Ambivalenzen und Neuformatierungen

6 Leave a comment on paragraph 6 0 Zeitdiagnosen und Therapievorschläge, ähnlich zu denen, wie sie sich bei Brzezinski und Rockefeller zeigen, waren seit der Mitte der 1960er Jahre weit verbreitet. Mit ihnen kommt ein Unbehagen zum Ausdruck, dass irgendetwas mit der nach 1945 etablierten Ordnung nicht (mehr) stimmt. Auch wenn diese Ordnung eine Ordnung des Westens war, hatten sie und ihre Institutionen den Anspruch, die ganze Welt zu erfassen und zu strukturieren. Der ‚Kalte Krieg‘ war mit der ihm zu Grunde liegenden binären Codierung eine radikale Form der Moderne. In das klare Schema einer Trennung von ‚entweder, oder‘ ließ sich Welt begreifen und einordnen. Doch die Wahrnehmung von komplexen Wechselwirkungen und Spannungen innerhalb der doch nicht (mehr) so festen Blöcke, nicht zu vergessen der Prozess der Dekolonisation und weitere quer zum Ost-West-Paradigma liegende Konfliktlinien und Interessen sorgte auch hier für starke Irritationen. Diese damit verknüpften Denkfiguren des Dritten hatten das Potential, binär gedachte Gewissheiten heftig zu erschütterten.

7 Leave a comment on paragraph 7 0 Akademisch-intellektuelle Strukturanalysen vom Ende der Nachkriegsordnung koppelten jedoch erst zu Beginn der 1970er mit historischen Ereignissen und erreichten so eine kritische Masse. Die sogenannten ‚Nixon-Shocks‘ und wenige Jahre später die erste Öl(preis)krise sind oft bemühte und zugegeben gute Indikatoren für einen Strukturbruch auf internationaler Ebene. Im August 1971 verkündete US-Präsident Richard Nixon das Ende des Bretton-Woods-Systems, der von den USA garantierten Konvertibilität von Dollar in Gold und damit das Ende fester Wechselkurse. Das Abkommen von Breton Woods, 1944 noch während des Zweiten Weltkrieges verhandelt, war mehr als eine finanz- und handelstechnische Angelegenheit. Es war ein Versprechen auf Wohlstand und Konsum (für den Westen). Damit trug Breton Woods maßgebliche zur Etablierung und Stabilisierung des Westens sowie der internationalen Ordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bei und untermauerte damit die ökonomische und politische Führungsrolle der USA. Im Laufe der Zeit ergaben sich jedoch Probleme im System. Nicht zuletzt war dafür die Diffusion ökonomischer Macht während des ‚Booms‘ nach Europa und Asien verantwortlich. Diese Krise veranlasste Nixon schließlich dazu im Rahmen einer Fernsehansprache den mittlerweile hohl gewordenen Eckpfeiler der westlich-liberalen Nachkriegsordnung einzureißen. Ein weiteres, oft zu den Nixon Shocks gerechnetes Ereignis von großer Tragweite war die Annäherung der USA an die Volksrepublik China. Der Aufbau von Beziehungen zum kommunistischen Teil Chinas steht für eine völlige Neuausrichtung der amerikanischen Außenpolitik – nicht nur in der pazifischen Welt. Die Zusammenarbeit mit der Regierung in Peking war nur schwer mit der reinen Lehre des ideologischen Systemantagonismus des Kalten Kriegs zu fassen.

8 Leave a comment on paragraph 8 1 Die Nixon Shocks hatten vor allem starken symbolischen Charakter. Sie machten die Risse, Verwerfungen und Anpassungsdrücke in der Nachkriegsordnung offensichtlich. Doch die politischen Ereignisse das Jahres 1971 markieren lediglich nur die Entwicklungen, die sich mindestens mittelfristig angebahnt hatten. Das eigentlich schockierende an den Schocks war das unilaterale Vorgehen der Nixon-Administration. Nixon hatte diese Entscheidungen verkündet, ohne im Vorfeld seine Partner, den Westen, zu konsultieren oder zumindest zu informieren.

9 Leave a comment on paragraph 9 0 Im Rahmen der Ersten Ölpreiskrise im Herbst 1973 wurden mit der ‚Öl-Waffe‘ nicht nur globale Machtverschiebungen sowie die Fragilität und nachlassende Integrationskraft der Nachkriegsordnung deutlich. Die Fragen nach der Energieversorgung des Westens koppelten mit Handels- und Finanzpolitik (Stichwort ‚Petro-Dollar-Recycling‘), mit Entwicklungspolitik und im Kontext der Atomkraft auch mit sicherheitspolitischen Angelegenheiten. Das Muster des Kalten Krieges konnte in dieser Zeit verdichteter Krisen keine förderlichen Handlungsroutinen mehr bereitstellen. Abstrakte Gedankenspiele und wolkige Begrifflichkeiten bekamen so nun eine lebensweltliche Realität – versprachen sie doch alternative Deutungsmöglichkeiten und adäquate Lösungsvorschläge.

10 Leave a comment on paragraph 10 0 In dieser weltpolitischen Lage entstand die TC als eine Organisation „formed by private citizens of Western Europe, Japan, and North America to foster closer cooperation among these three regions on common problems. It seeks to improve public understanding of such problems, to support proposals for handling them jointly, and to nurture habits and practices of working together among these three regions” wie es im ‚Statement of Mission’ der TC heißt, das bis heute in jedem ihrer Reports abgedruckt ist. Vor diesem Hintergrund sind die Suchbewegungen und Ansätze zu einem neuen Verständnis von Welt zu verstehen, wie sie sich in der TC zeigen.

Trilaterales Denken = Interdependenz verstehen und organisieren

11 Leave a comment on paragraph 11 0 Um einen Zugang zu den Weltdeutungen der TC zu bekommen, ist ein Schlagwort bedeutend: ‚Interdependenz‘. Komplexe Interdependenz der Welt war für die Trilateralen das argumentative Dach und der Referenzpunkt zur Diagnose der Gegenwart. „Growing interdependence is a fact of life of the contemporary world. It transcends and influences national systems. It requires new and more intensive forms of international cooperation to realize its benefits and to counteract economic and political nationalism.”[6] Das sind die ersten Sätze des ‚Statement of Purposes‘ der TC. Hier wird der Einfluss einer neuen Phase der Globalisierung auf das Denken transatlantisch-außenpolitischer Eliten sichtbar. Im Zentrum steht die Erfahrung neuer und alter Formen von Interdependenz und Komplexität. Die binären, eindimensional-linearen Deutungsmuster – wie der Denkstil des Kalten Krieges sie bereitstellte – konnte komplex verschachtelte Netze unterschiedlicher Interdependenzphänomene nur selektiv, unscharf und damit auch nur unzureichend erfassen, geschweige denn adäquate Handlungsanleitungen liefern.

12 Leave a comment on paragraph 12 2 Max Kohnstamm, eine der zentralen Figuren im Hintergrund des europäischen Integrationsprozesses und wichtiges Mitglieder der TC kann uns das Interdependenzverständnis der Commission näher bringen. Beispielhaft in seiner Deutlichkeit aber auch stellvertretend für die diskutierten Ansätze in der TC beschreibt Kohnstamm die Verschiebung der Wahrnehmungshorizonte und Deutungskategorien von Welt. In einem von Interdependenzen geprägten Planeten sah er die „most striking characteristics of our time”. Diese ebenso zahlreichen wie komplexen wechselseitigen Verknüpfungen, so spezifiziert Kohnstamm weiter, zeigen sich überall, zwischen „foes and friends, developed and underdeveloped, ‚free‘ market and ‚planned‘ market countries.“[7] Die Vektoren, die Verbindungen und Bezugssysteme schaffen und auch intensivieren sind vielfältig. Kohnstamm nennt die Ströme von Handelsgütern und Kapital, Waffen, insbesondere mit atomaren Sprengköpfen Interkontinentalraketen, Kommunikationssysteme und ganz allgemein vor Landesgrenzen nicht halt machende „world wide problems of pollution“[8].

13 Leave a comment on paragraph 13 0 Soweit Kohnstamms Zustandsbeschreibungen. Doch was folgt nun aus dem Wissen und dem Bewusstsein in einer Welt zu leben, in der etablierte Grenzziehungen und nationalstaatlich gerahmte Territorialisierungen verblassen, in einer Welt, in der nahezu alle Lebensreiche über Länder, Regionen und Kontinente hinweg verflochten sind? Kohnstamm macht hier auf zwei Seiten der Interdependenz aufmerksam. Zunächst sind mit einer interdependenten Welt erhebliche Konflikte verbunden, die das Potential in sich tragen zum „worldwide nightmare“, zum „horror of civil war“[9] zu eskalieren. Die verheerenden Folgen ultranationalistischer Reaktionen auf Interdependenzerfahrungen hatte die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt und auch erheblich Kohnstamms frühes Leben geprägt. Interdependenzen mit einer nationalstaatlich-isolationistischen Politik zu begegnen oder sich gar den Realitäten einer interdependenten Welt einfach zu verweigern oder sie zu ignorieren sind für Kohnstamm und die Mitglieder der TC allerdings keine bedenkenswerten politischen Alternativen. Neben der dunklen, der zerstörerischen Seite sieht er aber in Interdependenz gleichzeitig auch eine der großen Chancen seiner Zeit – den Traum einer „world of ‚United Nations‘“.

14 Leave a comment on paragraph 14 0 An anderer Stelle eröffnet Kohnstamm zusammen mit François Duchêne – dem Direktor des International Instituts for Strategic Studies (IISS) und dem Politikwissenschaftler Wolfgang Hager auch eine dezidiert europäische Perspektive auf Interdependenz und bringt diese in den Diskursraum der TC ein.[10] Das EG-Europa liefere mit seinen Verträgen, den Konsultationen und Absprachen, sowie der Verregelung und Verrechtlichung der Beziehungen zwischen den westeuropäischen Staaten ein Muster von gelungener Steuerung von Interdependenzen innerhalb eines eng verknüpften Westeuropas. Nun galt es den Sprung von der regionalen auf die globale Ebene zu wagen. Für Kohnstamm – und hier drückt er das Leitbild der TC aus – kommt es daher auf eines an: Interdependenz zu ‚managen‘. Interdependenz kann nicht sich selbst überlassen werden. In ‚richtiger‘, in „better organized“[11] Interdependenz, liegt daher das Versprechen für nationalen und globalen Wohlstand, für ‚peace and prosperity‘.

15 Leave a comment on paragraph 15 0 So oder so ähnlich wie Kohnstamms Bemerkungen lesen sich nahezu alle Diskussionspapiere in den Akten zur Gründung der TC. In ihren Konsequenzen zielen sie darauf, Interdependenz(en) zu ergründen und ihre vagen und bisher noch unbekannten Folgen zu betrachten, um dann Hinweise geben zu können, wie Politik steuernd und regelnd eingreifen könnte. In der Beschreibung des ‚Policy Program‘ der TC drückt Brzezinski diese Unschärfe treffend aus und markiert gleichzeitig eine neue Skalierung des Maßstabs, wenn er schreibt: „For the first time in the history of mankind, a global political process is surfacing, a process that is still quite shapeless.“[12] Die TC trat an, diesen neuen auftauchenden Prozessen Form zu geben.[13]

16 Leave a comment on paragraph 16 4 Doch Interdependenz ist als Formel zur Ordnung und Erklärung von Welt ein prekärer Begriff. Er bietet wenig Konkretes und lässt vielfältige Ausformungen zu. Er ist ebenso diffus wie die Situationen und Probleme, die er versucht zu beschreiben. In ihm drückt sich der Verlust von Orientierung aus. Er macht darauf aufmerksam, dass lange als sicher geglaubte Ordnungssysteme im ‚Age of Fracture‘[14] durcheinandergeraten waren. Mit dem Verlust der alles ordnenden ‚Großen Erzählung‘ haftet dem Interdependenzdiskurs fast schon etwas Postmodernes an. Der Begriff markiert ein Verständnis von Welt, das – um eine Metapher und Analyse von Zygmund Baumann aufzugreifen – sich vom festen ins flüssige wandelt.[15] Und genau hierin – im Beschreiben von Strömen von ‚flows‘– liegt jedoch die Kraft und Attraktivität des Interdependenzbegriffs. Ein Verständnis von Welt als eng verwobenes Gefüge verschiebt die Perspektive. Zusammenhänge etwa von Räumen und vor allem die wechselseitigen Verbindungen zwischen Problemfeldern sind so zu erkennen. Diese Gefüge werden vom  Sehepunkt der Interdependenz aus sichtbar.  Sie zu beschreiben und zu analysieren ist der Ausgangspunkt, Welt zu verstehen und in ihr handeln zu können. Die Eindeutigkeiten des binären Logiken gehorchenden Kalten Krieges verlieren vor dem Hintergrund komplexer Interdependenzverhältnisse an Erklärungskraft. Das Dritte – und mit ihm das Vierte, das Fünfte, ja das Unendliche – bekommt mehr Relevanz zugesprochen. Von der ‚French Theory‘, bis hin zu den Treffen unserer transatlantisch-transpazifischen Elitenzirkel prägt diese Verständnis den Zeitgeist und das Verständnis für die (Un-)Ordnung der Welt.

17 Leave a comment on paragraph 17 3 Das bisher gesagte zeigt deutlich, dass die mit dem Wort ‚Interdependenz‘ markierten komplexen Zusammenhänge ein einfaches Problemverständnis von ‚Challenge and Response‘ nicht abbilden können. Das würde dem Ansatz der Trilateralen Kommission und auch seiner Analyse nicht gerecht. Zwischen den Zeilen der Konzeptpapiere und auch dann in der Arbeit der TC finden sich Gedanken, die an einen Zugang einer anderen am Ende der 1960er Jahre gegründeten Organisation erinnern. Mit dem Schlagwort ‚Problematique‘ rückte der Club of Rome ein vom kybernetischen Zeitgeist geprägtes Model der Weltwahrnehmung und Deutung ins Zentrum seiner Überlegungen. Der Imperativ dieses Denkens gründet darin, Probleme nicht isoliert zu sehen, sondern in Bezugssystemen, Wechselwirkungen und Clustern zu betrachten. Aus dem Zusammenhang und der Überlagerung einzelner bis ins Kleinste weiter verzweigter Problemfelder ergibt sich dann die Problematique, als ein „meta-system of problems“[16].

18 Leave a comment on paragraph 18 0 Diese Meta-Probleme benötigen Meta-Experten und Meta-Expertise. Klar macht dies George S. Franklin – Koordinator der TC und ein weiterer Außenpolitikspezialist in ihren Reihen – wenn er die Aufgaben der TC folgendermaßen charakterisiert: „1) Advance thinking in common approaches to major problems. 2) Deepen the understanding of the nature of problems […] 3) Sell these ideas developed to the publics and governments of the various nations.“[17] Darauf laufen die organisatorischen und personellen Struktur der Trilateralen Kommission und auch ihre Arbeitsweise hinaus. Als was kann man daher die TC fassen? Die Antwort auf diese Frage erschließt sich am besten dadurch, was die TC nicht ist: Die TC ist kein think-tank. Sie ist weder eine Expertengruppe noch ein Forschungsinstitut. Sie ist auch kein Treffen wie etwa die G8 Gipfel. Sie ist keine der wenig Öffentlichkeit suchenden Veranstaltungen wie die Gespräche der ‚Bilderberger‘. Auf ein spezielles Politikfeld festgelegtes Format wie das ‚World Economic Forum‘ in Davos oder die heutige ‚Münchener Sicherheitskonferenz‘ – früher ‚Wehrkundetagung‘ genannte Veranstaltung – ist sie auch nicht. Trotzdem wird man bei all diesen Gelegenheiten eine Reihe von Mitgliedern der TC treffen können. Und genau hierauf beruht ihr Konstruktionsprinzip. Sie operiert auf einem – wenn man so will – ‚meta level‘. Die Kommission bringt Generalisten aus verschieden Sektoren der Gesellschaft zusammen. Es sind die Köpfe der Think Tanks und Forschungsinstitute, es sind wichtige Vertreter aus der Politik, der Wirtschaft, der Industrie, dem Finanzwesen aber auch aus den Universitäten und den Medien, die den Mitgliederkreis der TC ausmachen. Mit der TC entstand ein Forum, das an die traditionellen Muster privater Clubs, Gelehrtengesellschaften und Gesprächskreise, anknüpfte. Dieses Forum sollte in Zwischenräumen, der ‚in-between-world‘, von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien angesiedelt sein. Durch eine wissensgeschichtliche Brille betrachtet konnte so die TC einen Diskursraum öffnen. Sie zielte darauf, den Fluss und Zirkulation von Wissen zu ermöglichen und Ansätze wechselseitig füreinander fruchtbar zur machen und schließlich einzelne Felder auf einer höheren Ebene zu verknüpfen. Damit konnten komplexe Probleme beschrieben und vielleicht auch gelöst werden. Die Auswahl der ca. 180 Mitglieder der Trilateralen Commission war daher an einer Mischung aus Breite und Tiefe orientiert und sollte das gemäßigte Meinungsspektrum der trilateralen Welt widerspiegeln. Diskussion ging vor Einstimmigkeit.

19 Leave a comment on paragraph 19 0 Die Arbeit auf der aggregierenden Zwischenebene an komplexen Problemen zeigt sich auch in der Organisation der TC. Besonders wichtig waren die ‚Plenary Meetings‘, zu denen sich alle Mitglieder versammelten. Aber auch Treffen der regionalen und nationalen Ebenen fanden regelmäßig statt. Das Herz – oder besser das Gehirn – der TC war das ‚Executive Committee‘, einer kleinen Gruppe von etwa zehn Kommissionsmitgliedern, die sich aus Vertretern jeder Region zusammensetzte. Das Executive Committee (ExCom) wählte die Themen und Mitarbeiter der sogenannten ‚Task Forces‘ aus. Die Task Forces schrieben die ‚Reports‘, die als Basis für die Vollversammlung dienten und das wichtigste Element der Arbeit der Commission bildeten. Immer drei ‚Rapporteure‘, je einer aus jeder Region, schrieben den Bericht in zahlreichen Rückkopplungsschleifen mit dem ExCom und themenspezifisch ausgewählten Experten, den so genannten Consultants. Am Ende eines aufwendigen Diskussionsprozesses wurde der Report auf der Vollversammlung vorgestellt, diskutiert und dann gedruckt. Allein der Blick auf die ersten Reports zeigt das weite Problemverständnis der TC und den Versuch die Welt neu zu verstehen und in eine Ordnung zu bringen. Sie reichen von Fragen des Weltfinanzsystems, Energieversorgung, natürlich die Ost-West und Nord-Süd Beziehungen, Probleme der Welternährung, einem Regime für die Ozeane bis hin zu innenpolitischen Themen wie der bekannteste Report ‚Crisis on democray‘, der – selbst schon unter den Autoren und in der TC kontrovers  diskutiert – dann die Debatte um die Unregierbarkeit westlicher Industriegesellschaften mit auslöste.

20 Leave a comment on paragraph 20 1 Die Gründer der TC erwogen zwar die Idee, Vertreter des ‚Ost-Blocks‘ und auch aus Ländern der sogenannten ‚Dritten Welt‘ in die TC aufzunehmen. Dieser, man könnte ihn globalen Ansatz nennen, wurde aber schnell verworfen. Die Transzendierungen des Kalten Krieges durch die TC findet daher nicht im Gespräch über den Eisernen Vorhang hinweg statt. Der ‚Westen‘ oder die ‚fortgeschrittenen Industrienation‘ sind der eindeutige Referenzpunkt der TC. Der ‚Der Westen‘ in seiner Form als Gemeinschaft der demokratisch, konsenskapitalistisch organisierten Industrienationen ist ein Produkt des Kalten Krieges. Man könnte sogar so weit gehen, den Kalten Krieg als konstitutives Element des Westens zu verstehen. Die Abgrenzung von einem vermeintlichen Osten war essential für die Herausbildung des Westens. Das gilt nicht nur für die Ebene der Weltordnung. Die klare Grenzziehung und die ‚Kommunistische Bedrohung‘ wirkte als Kraft für die Integration und die Disziplinierung von Gesellschaft der westlichen Staaten nach innen. Mit dem Verblassen, dem langsamen Verschwinden des Kalten Krieges wurden auch die Kohäsionskräfte in und zwischen der westlichen Staatengemeinschaft geringer. Doch was ist der Westen ohne Osten? Es wäre nicht übertrieben das Trilaterale Projekt als Projekt zur Rettung und Erneuerung des Westens als Idee und Praxis zu verstehen. Denn der TC ging es vornehmlich um die Integration des ‚Westens‘ vor dem Hintergrund der Bewältigung von Interdependenz und damit nicht gegenüber einem ‚Osten‘, sondern gegenüber einer Vielfallt von ‚Anderen‘.

21 Leave a comment on paragraph 21 0 In den Gefahren der Interdependenz lag eine neue, diffuse Herausforderung. Durchstöbert man die Akten, Reports und Ausgaben von ‚Trialogue‘, einem ausführlichen Newsletter der Commission lassen sich nahezu überall Suchbewegungen einmal zur Neuerfindung des Westens entlang der gemeinsamen Bewältigung von Interdependenz und einmal in Richtung auf ein gemeinsames geteiltes Verständnis konkreter Interdependenz als Handlungsgrundlage erkennen. In diesen Debatten der TC schneidet sich die ideelle mit der praxeologischen Dimension der Rekonfiguration des Westens. Auch durch Praxis muss(te) der Westen immer wieder hergestellt werden. Die Diskussionskultur, Absprachen, Koordination waren Wesensmerkmale der identitären Selbstverortung des Westens. Zudem war auch das ganze Unternehmen TC nicht nur ein Forum, sondern auch eine Bühne zur Inszenierung des Westens – natürlich eines Westens wie ihn die TC imaginierte und propagierte.

22 Leave a comment on paragraph 22 2 Liest man die Reports der Task Forces und schaut man sich die Artikel in Trialogue, genauer an, entdeckt man selten die innovativsten, außergewöhnlichen Konzepte in den von ihnen verhandelten Bereichen. Die TC ist mehr Mainstream als intellektueller Avantgarde. Genau das macht sie so wichtig. In eine ähnliche Richtung läuft auch die Antwort auf die Frage nach der Wirkmächtigkeit der TC. Auch wenn sich die TC selbst als ‚policy oriented‘ begreift und auch sehr von sich selbst und der Wirkung ihrer Arbeit überzeugt ist, lässt sich ihr Einfluss nur schwer nachweisen. Durchaus finden sich Ähnlichkeiten zwischen den Diskussion im Rahmen der TC, gesellschaftlichen Debatten und politischen Entscheidungen. Ein direkter Einfluss der Diskussion und von der TC entwickelter Konzepte lässt sich so allerdings nicht nachweisen. Er muss es auch nicht! ‚Ideas matter‘ hat Bernd Greiner diesen Sachverhalt in einer Diskussion über die TC es einmal prägnant und treffend ausgedrückt.[18] Der zeitgenössische Wert der Tätigkeit der TC und der von ihr produzierten Studien sowie schließlich ihr Wert als Untersuchungsgegenstand für geschichtswissenschaftliche Fragestellungen liegt viel eher in der Funktion als Ideenfabrik und als Forum für den Austausch von Wissen. Mit ihr werden die Zusammenschau, die Breite der Themen, die generalisierende Synthese sowie die große Perspektive und die Einordnung in weite räumliche, zeitliche und thematische Kontexte an einem Ort deutlich. Sie ist ein Fühler für die Entwicklungen der Zeit. Und dieser Fühler zeigt deutlich an, dass die Hierarchien und die Bedingungsgeflechte zwischen den ‚Weltproblemen‘ sich verschoben haben. Bleibt jetzt noch die Frage: Welche Rolle kam da noch dem Kalten Krieg als ordnende Kraft zu?

Das Verblassen des ‚Kalten Krieges‘ – eine Spurensuche

23 Leave a comment on paragraph 23 0 ‚The cold war was…‘. Es ist aus heutiger Sicht ein wenig irritierend, dass in den Publikationen der TC oft vom Kalten Krieg in der Vergangenheit gesprochen wird. Auch in dieser Haltung ist die TC nicht eine Ausnahme, sondern ein Seismograph für breite, allgemeine Entwicklungen. Robert R. Bowie, Trilateralist, Diplomat und emeritierter Harvard-Professor deutet aber noch eine andere, nicht ganz so plakative aber dafür umso interessantere und tiefgreifendere Form eines Bruches mit dem Denken des Kalten Krieges an. Bowie identifizierte zunächst eine klar von klassischen machtpolitischen Interessen geleitete Politik der Sowjetunion (und auch der USA und des Westens). Er sprach sich aber dafür aus, den Begriff ‚Kalter Krieg‘ und mit diesem auch gleich sein Komplementär ‚Détente‘ aus dem Sprachgebrauch zu verbannen.[19] Er hielt die Terminologie und die damit verbundene Sicht auf Welt nicht nur für überhohlt sondern auch vor allem für unzureichend. Aber nicht nur das. Er sah regelrecht eine Gefahr darin, mit diesen Begriffen die Ost-West Beziehungen zu beschreiben. In seinen Augen produzierten sowohl ‚Kalter Krieg‘ als auch ‚Détente‘ geradezu in die Irre führende Vorurteile. Stattdessen plädierte er dafür, den seit Ende des Zweiten Weltkrieges gültigen binären Referenzrahmen zu verlassen und im Verhältnis zur ‚kommunistischen Welt‘ allein entlang konkreter Sachfragen zu handeln. Dabei sollte eine kluge Politik sich nicht vom ideologischen Überbau in der Beurteilung weder in die eine noch in die andere Richtung blenden und fehlleiten lassen.

24 Leave a comment on paragraph 24 2 Ein weiteres Beispiel für Kritik am Universalismus des Kalten-Krieges-Paradigmas und die Gefahr voreiliger Bewertungen liefert ein nicht mit Namen genannter französischer Experte auf einem Plenary Meeting der TC. In den Debatten anlässlich des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan warnt er eindringlich davor, die falschen Schlüsse aus einem falschen Verständnis des Konfliktes zu ziehen. Nicht nur der Ost-West, sondern vor allem der Nord-Süd Dimension der Krise sei in der Bewertung eine entscheidende Rolle beizumessen.[20] In der Reaktion Europas, Amerikas und Japans ganz im Sinne des Interdependenzdiskurses müsse berücksichtigt werden, dass die Afghanische Krise Teil eines engmaschigen „global conflict“ sei, den als Ganzes im Blick zu haben gelte. Hier zeigt sich auch das Bewusstsein, nicht alles und jedes der binären Sicht des Kalten Krieges unterzuordnen. Handlungsempfehlungen waren aus der binären Logik des Kalten Kriegs nicht mehr allein abzuleiten.

25 Leave a comment on paragraph 25 3 Sind Aussagen wie die des französischen Experten oder die von Bowie lediglich Détente-Rhetorik, wie sie in der Zeit so zahlreich, so oft und an vielen Stellen anzutreffen war? Ich denke nicht. Sicherlich, die ‚Entspannungszeit‘ der 1970er war notwendig, damit neue Probleme überhaupt erst Relevanz bekommen und weiter nach oben auf die Tagesordnung rutschen und die Wahrnehmungsschwelle überschreiten konnten. Die neuen Probleme und auch nicht zu vergessen die mit ihnen verbundenen Chancen verschwanden aber nicht mehr von der Agenda. Sie bestimmten sie. Umweltschutz, Ökologie oder später die Debatten um Klimaschutz, Rohstofffragen sind hier wie auch das wachsende Bewusstsein für die Nord-Süd-Problematik nur einige Felder. Es wäre jedoch falsch diesen Befund exklusiv für die Zeit ab den späten 1960er Jahren zu reklamieren. Sicher existieren auch vorher alternative Ordnungen zum Kalten Krieg. Sie bleiben aber zunächst peripher. Erst mit den 1970er Jahren und mit der sich im Interdependenzdiskurs manifestierenden Perspektiverweiterung wurde die uneingeschränkte Vorherrschaft des Kalten Krieges in Frage gestellt. Kalte-Kriegs-Narrative mit ihren binär-antagonistischen Logiken griffen hier nicht mehr und konnten auch die ‚Problematique‘ nicht auf einer Metaebene zusammenführen. Als die alles überwölbende Meistererzählung beerbte der Interdependenzdiskurs den Kalten Krieg jedoch nicht. Vielmehr lag die Kraft des Interdependenzdenkens auch darin, verschiedene und auch widersprüchliche Ordnungssysteme nebeneinander integrieren zu können.

26 Leave a comment on paragraph 26 0 Diese Perspektivverschiebung zeigt sich auch in den Reports der TC zu den Ost-West-Beziehungen. In ihren Schlussfolgerungen sind sie von einer pragmatischen, multiperspektivischen Haltung geprägt. Der Ton, in dem die Beziehungen zwischen den Blöcken beschrieben werden, war zwar in den 1970er Jahren noch viel optimistischer gefärbt als es dann in den 1980er Jahren der Fall war. Doch im Kern blieben die Determinanten der veränderten, neuen Weltwahrnehmung gleich. Der Systemantagonismus taucht zwar auf, wurde benannt, thematisiert und floss schließlich auch prominent in die Analysen und Überlegungen mit ein. Der Task Force Report mit der Nummer 13 und dem Titel „Collaboration with Communist Countries in Managing Global Problems – An Examination of the Options“ von 1977 weist schon im Titel auf das Wesentliche hin. Zum einen bleibt die Trennung zwischen einer kapitalistisch und einer sozialistisch organisierten Welt klar bestehen. Zum anderen macht der Report aber auch deutlich, dass sowohl der Osten als auch der Westen mit den gleichen Problemen auf globaler Ebene konfrontiert sind und gemeinsame Lösungsansätze entwickeln könnten. Der Prozess der Triangulation wird hier deutlich: Zwischen, neben, über und unter dem Ersten und Zweiten konnte nun etwas Drittes existieren und dieses Dritte galt es in die Überlegungen und Problemdefinitionen sachbezogen einzubeziehen. Der Report operiert klar mit den Kategorien des Kalten Krieges (‚Der Osten‘ und ‚Der Westen‘). Gleichzeitig überschreitet er den binären Antagonismus (gemeinsame Probleme). Der Report lotet Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus und katalogisiert Politikfelder nach den Möglichkeiten der Kooperationen mit der ‚Kommunistischen Welt‘. Hier und in den weiteren Reports zu dieser Thematik zeigt sich der Versuch, den Ost-West-Konflikt unter dem Paradigma der Interdependenz zu denken. Der Ost-West-Konflikt wurde von der Matrix des Kalten Krieges gelöst und in einen neuen, vom Interdependenzdenken bestimmten Interpretationsrahmen eingewebt. Die Entdeckung der Interdependenz führte dazu, dass ein auf Konflikt basiertes Bild der Ost-West Beziehungen immer stärker verblasste und stattdessen Formen von wechselseitigen Abhängigen dominierten, die es pragmatisch zu gestalten und durchaus machtpolitisch zu nutzen galt.

27 Leave a comment on paragraph 27 2 In der Betrachtung von Statements und Reports der TC deutet sich die Neuformatierung von und in Ordnungsvorstellungen an. Doch wie kann man diese analytisch versuchen zu fassen? Der Begriff der Assemblage kann hier weiter helfen. Assemblage, ein Begriff aus der Kunst, richtet in den Wissenschaften angewendet den Fokus auf einzelne Komponenten und ihre jeweilige Zusammensetzung. Diese heuristische Sehhilfe, die der Assemblage-Begriff liefert, kann viel Erklärungskraft im Zusammenhang mit der Frage nach Ordnung entfalten, verweist er doch auf die Vielfalt von Ordnungsmöglichkeiten und ihre jeweils kontextabhängige und damit spezifische Konstellationen und Relationen. Der Kalte Krieg ist selbst sowohl Teil von Assemblagen als auch die strukturierende Kraft einer bestimmter Assemblage, die für einige Zeit doch recht stabil und verlässlich Elemente zueinander in Bezug setzte, sie hierarchisieren konnte, aber dann selbst im Lauf der Zeit schrittweise weiter in andere neue Einzelteile zerlegt und zusammengesetzt wurde. Die Transzendierung des binären Ordnungsmusters durch die TC liegt daher darin, dass der ‚Kalte Krieg‘ als bestimmendes Element internationaler Ordnung nicht mehr eine übergeordnete sondern eine beigeordnete Rolle spielte. Mit dem Interdependenzdiskurs hatten sich sowohl Narrative, Hierarchisierungen und Bedingungen verschoben. Der Kalte Krieg war nur noch ein Teil eines Clusters einer globalen Gesamtproblematik, der ‘globalen Assemblage’, das je nach Perspektive mal mehr, mal weniger in Zentrum stand. Die Zeit seit den 1970er Jahren ist daher von Überlagerungen, Pluralität und Koexistenz verschiedener, sich womöglich auch gegenseitig ausschließender Ordnungsvorstellungen gekennzeichnet. Allerdings werden diese neu ausgehandelt, neu gruppiert und formatiert und zueinander in Bezug gesetzt.

28 Leave a comment on paragraph 28 0 Gerard C. Smith – Chairman der nordamerikanischen Gruppe und ehemaliger Chefunterhändler der USA bei den SALT-Verträgen bringt in einem Kommentar zu einem Report der TC zur Energiekrise das Bedürfnis Wandel zu gestalten und Macht neu zu denken zum Ausdruck: „The thing to do is to capitalize on this challenges [einer interdependenten Welt ohne klares Feindbild] to reconstruct an international system”, um dann zu enden: „more to our liking.” Die nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich von den USA konstruierte internationale Ordnung entsprach nicht mehr den Anforderungen der Zeit und begann sich sogar gegen den Westen zu wenden. Die Öl-Waffe, Folgen der Dekolonisation, die (aus Sicht des Westens) Blockade der UN und in gewisser Hinsicht auch die Einordnung der sich abzeichnenden Niederlage der USA in Vietnam sind hier nur oberflächliche Anhaltspunkte. Macht und Interessen und immer stärker auch Normen spielten auch vor dem Hintergrund des Interdependenzdenkens nach wie vor in der Politik eine große Rolle. Bei Smith und der Arbeit der TC deutet sich jedoch an, Macht, Einfluss und Hegemonie[21] anders und vielleicht neu zu denken. Interdependenz ist eng mit der Auflösung auf ein Zentrum hin orientierter Ordnungsstrukturen verknüpft. Macht ist nicht mehr die Kontrolle eines festen Blocks. Denkt man die Welt interdependent und in Folge dessen auch ‚flach‘, dann ist das Netz die Figur mit der Welt sich beschreiben lässt. Hier richtet sich das Interesse auf die Diffusion und Kontrolle von Macht. Macht ausüben zu können bedeutet nun die Fähigkeit des Regierens im Fluiden. Das heißt, es geht darum Knoten in einem ständig sich in Reorganisation befindlichen Netz zu kontrollieren, sie aufzubauen und ihre Spielregeln zu bestimmen – kurz: Regime zu etablieren. Mit den Arbeiten der Politikwissenschaftler Joseph S. Nye (zur Zeit North American Chairman der TC) und Robert O. Keohane fand die Regime- und Interdependenztheorie Eingang in den Kanon der Theorien der Internationale Beziehungen. In einer so begriffenen Welt verliert der Kalte Krieg und mit ihm das binäre Denken seine alles überstrahlende, absorbierende Kraft.

29 Leave a comment on paragraph 29 1 Mit einer Beobachten des  Medienwissenschaftler Kay Kirchmann kann man hier anschließen. Kirchmann beendet seine ‚Kurze Geschichte des Netzes‘ mit den Worten: „Wo alle Erscheinungen nur noch über Interdependenzen sich konstruieren […], da gehen vormalige Distinktionen ihrer differenzierenden und sinnproduzierenden Kraft verlustig und es etabliert sich eine Figuration des Vermischten und des miteinander vermengten: eine Hybridkultur.“[22] Anders ausgedrückt könnte man resümierend sagen, dass mit der Interdependenz das Dritte, das potentiell Unendliche sich zwischen ein radikales Entweder-oder schob. Welt allein in binären, linearen, festen Kategorien zu denken hat keine Relevanz mehr. Doch ‚die Interdependenz’ trat nicht an die Stelle ‚des Kalten Krieges‘. Mit meinem Blick auf die TC wird etwas anderes deutlich. Der Kalte Krieg und mit ihm binäre Logiken und mit diesen die Moderne verlieren ihren umfassenden, totalisierenden Charakter. Interdependenz als Perspektive bricht hier das Denken auf und erlaubt Co-Existenz verschiedener Ordnungen. Sowohl als Marker einer Ordnungsvorstellung als auch als Begriffshülse reiht sich ‚Kalter Krieg‘ in das Depot möglicher Weltdeutungen ein. Verstaubt ist er dort nicht. Je nach Situation kann ‚Kalter Krieg‘ und mit ihm verbunden können binäres Freund-Feind-Denken und Komplexität reduzierende binär codierte Ordnungsvorstellung als Deutungsmuster Relevanz bekommen. In Krisensituationen konnte und kann sie durchaus noch attraktive Deutungen hervorbringen. Ein großer zeitlicher Sprung macht dies deutlich. Ein Report der TC aus dem Jahr 2014 trug den Titel ‚Engaging Russia – Return of Containment?‘ Das Fragezeichen im Titel ist hier zwar von großer Bedeutung, denn der Report tritt ganz in der Traditionen der Reports der 1970er und 1980er Jahre an, Abstufungen in der Politik der trilateralen Welt gegenüber Russland zwischen ‚Containment‘ und ‚Engagement‘ zu untersuchen. Doch mit dem Report, der Krise in der Ukraine und einer eher zum Modus Konflikt wechselnden Verhältnis zwischen Europa der USA und Rußland  kehrte die Sprache und mit ihr auch Denkweisen aus der Frühphase des Kalten Krieges wieder an prominenter Stelle in das Arsenal politischer Weltdeutungen und Handlungsmöglichkeiten zurück. Als ein Ordnungssystem unter vielen sind binäre codierte Deutungsmuster jederzeit reaktivierbar. Für einen weite Teile der Gesellschaft erfassenden ‚Zweiten Kalten Krieg‘ oder einen zweite Ära der binären Logik in einem anderen Gewand hat es aber bei weitem nie gereicht.

30 Leave a comment on paragraph 30 1 Wer daher beim Blick auf die Geschichte unsere Gegenwart nach Eindeutigkeiten sucht wird sie nicht finden. Gerade im Uneindeutigen, in den Widersprüchen, in deren Interpretation liegt der Erkenntnisgewinn für unsere Gegenwart. Die Zeit seit den 1970er Jahren ist hier eher von Überlagerungen, Pluralität und Koexistenz verschiedener, sich wohlmöglich auch gegenseitig ausschließender Ordnungsvorstellungen gekennzeichnet. Ständig werden diese neu ausgehandelt, gemischt und zueinander in Bezug gesetzt. Ob dies ein Phänomen der Zeit ‚Between Two Ages‘ ist oder ob das Leben im Sowohl-als-auch‘ und ‚Nicht-mehr-aber-noch-nicht’ zur Regel und eigentlichen Definition des Gegenwärtigen geworden ist lässt sich vermuten. Ob das nun ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ ist, ist die falsche Frage. Vielmehr gilt es für uns, das Beste daraus zu machen. Wie, das müssen wir stets neu herausfinden.

31 Leave a comment on paragraph 31 0  

Literatur und publizierte Quellen

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  • Bauman: Liquid Modernity, Cambridge 2000.
  • Beverungen, Johannes: Elite Planning Organizations. Tradition, Charakteristika, Implikationen der Trilateral Commission, Baden-Baden 2005.
  • Brzezinski, Zbigniew: Between Two Ages: America’s Role in the Technetronic Era, New York 1970.
  • Club of Rome (Hasan Özbekhan): The Predicament of Mankind. Quest for Structured Responses to Growing World-wide Complexities and Uncertainties. A Proposal, o.O. 1970.
  • Drago, Fulvio: Dealing with an Interdependent and Fragmented World. The Origins of the Trilateral Commission, 2010 http://rockarch.org/publications/resrep/drago.pdf (21.09.2016).
  • Duchêne, François: Die Rolle Europas im Weltsystem. Von der regionalen zur planetarischen Interdependenz, in: Kohnstamm, Max/ Hager, Wolfgang (Hg.): Max Kohnstamm: Zivilmacht Europa. Supermacht oder Partner?, Frankfurt a.M. 1973, S. 11-35. (engl. Ausgabe unter dem Titel: Duchêne, François: The European Community and the Uncertainties of Interdependence, in: Kohnstamm, Max/ Hager, Wolfgang (Hg.):A Nation Writ Large? Foreign-Policy Problems before the European Community, London 1973).
  • Esslinger, Eva/ Schlechtriemen, Tobias/Schweizer, Doris/Zons, Alexander (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Frankfurt a.M. 2010, S. 9-31.
  • Ferguson, Niall/Maier Charles S. /Manela, Erez /Sargent, Daniel J. (Hg): The Shock of the Global. The 1970s in Perspective, Cambridge, MA, London 2010.
  • Gill, Stephen: American Hegemony and the Trilateral Commission, Cambridge 21991.
  • Kirchmann, Kay: Eine kurze Geschichte des Netzes, in: Diagonal, Themenheft: Netz, (2001)1, S.113-S. 127.
  • Koschorke Albrecht: Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, in: Esslinger, Eva/ Schlechtriemen, Tobias/Schweizer, Doris/Zons, Alexander (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Frankfurt a.M. 2010, S. 9-31.
  • Rockefeller, David: Memoires, New York 2003.
  • Rodgers, Daniel T.: Age of Fracture, Cambridge, MA 2012.
  • Sargent, Daniel J.: A Superpower Transformed. The Remaking of American Foreign Relations in the 1970s, Oxford u. New York 2015.
  • Trilateral Commission: Statement of Purposes, in: Trialogue 1(1973), No 2, S. 1-2.
  • Trilateral Commision: The Current State of Trilateral Relations, in: Trialogue 8(1980), No 23, S. 3-5.

33 Leave a comment on paragraph 33 0 [1] Vgl. Rockefeller, David: Memoires, S. 416. Siehe auch: Summery of the Proceedings, Meeting of the Trilateral Commission of North America, October 15, 1973, in: RAC (Rockefeller Archive Center), Trilateral Commission Files, Series 1/Box 3/Folder 29.

34 Leave a comment on paragraph 34 0 [2] Als Stichwortgeber siehe den Band: Ferguson/Maier/Manela/Sargent: The Shock of the Global

35 Leave a comment on paragraph 35 0 [3] Norwegen war 1973 nach einem Volksentscheid nicht der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) beigetreten. In den Vorbereitungen zur Konstitution der TC ging man wie in den Fällen des Vereinigten Königreichs, Irlands und Dänemarks noch von einem Beitritt Norwegens aus. Daher erfolgte die Einladung.

36 Leave a comment on paragraph 36 0 [4] Siehe für wissenschaftlichen Literatur zur Trilateralen Commision Beverungen: Elite Planning Organizations; Drago: Dealing with an Interdependent and Fragmented World; Gill: American Hegemony and the Trilateral commision; Knudsen: The Trilateral Commission and Global Governance.

37 Leave a comment on paragraph 37 0 [5] Siehe den Band Esslinger/Schlechtriemen/Schweizer/Zons (Hg.): Die Figur des Dritten. Hierin insbesondere die programmatische Einleitung Koschorke: Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften.

38 Leave a comment on paragraph 38 0 [6] Trilateral Commission: Statement of Purposes, S. 1.

39 Leave a comment on paragraph 39 0 [7] Paper Max Kohnstamm, The Role of International Institutions and Political Consultation, 05.07.1972, S. 1, in: RAC, Trilateral Commission Files, S1/B1/F1.

40 Leave a comment on paragraph 40 0 [8] Paper Max Kohnstamm, The Role of International Institutions and Political Consultation, 05.07.1972, S. 1, in: RAC, Trilateral Commission Files, S1/B1/F1.

41 Leave a comment on paragraph 41 0 [9] Paper Max Kohnstamm, The Role of International Institutions and Political Consultation, 05.07.1972, S. 1, in: RAC, Trilateral Commission Files, S1/B1/F1.

42 Leave a comment on paragraph 42 0 [10] Explizit Duchêne: Die Rolle Europas im Weltsystem.

43 Leave a comment on paragraph 43 0 [11]Paper Max Kohnstamm, The Role of International Institutions and Political Consultation, 05.07.1972, S. 1, in: RAC, Trilateral Commission Files, S1/B1/F1.

44 Leave a comment on paragraph 44 0 [12] Memorandum, Zbigniew Brzezinski, The Trilateral Policy Program, 28.08.1973, S. 1 in: RAC, Trilateral S1/F28/B2.

45 Leave a comment on paragraph 45 0 [13] So auch Sargent, Daniel J.: A Superpower Transformed, S. 171.

46 Leave a comment on paragraph 46 0 [14] Siehe Rodgers: Age of Fracture.

47 Leave a comment on paragraph 47 0 [15] Siehe Bauman: Liquid Modernity.

48 Leave a comment on paragraph 48 0 [16] Club of Rome (Hasan Özbekhan): The Predicament of Mankind, S. 10

49 Leave a comment on paragraph 49 0 [17] George Franklin, Memorandum, Meeting of May 9, 1972, 02.05.1972, in: RAC, Trilateral Commission Files, S1/B1/F1, S. 1.

50 Leave a comment on paragraph 50 0 [18] So in der Vorlesungsreihe „Grenzen des Kalten Krieges“ zu meinem Vortrag. Siehe das Programm https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/ankuendigungen/ringvorlesung/ringvorlesung-grenzen-des-kalten-krieges-wise-2016-2017 (01.04.2017).

51 Leave a comment on paragraph 51 0 [19] Trilteral Commision: The Current State of Trilateral Relations, S. 5.

52 Leave a comment on paragraph 52 0 [20] Trilteral Commision: The Current State of Trilateral Relations, S. 5.

53 Leave a comment on paragraph 53 0 [21] Das wegweisende Buch ‚After Hegemoy‘ von Kohane und Nye würde ich daher mit einem Fragezeichen versehen und mit der vielleicht in ihren Wertungen etwas zu ideologielastigen aber inspirierenden Argumentation von Stephen Gill in seinem Buch ‚ American Hegemony and the Trilateral Commission‘ kontrastieren.

54 Leave a comment on paragraph 54 0 [22] Kirchmann: Eine kurze Geschichte des Netzes, S. 127.

Source: https://opr.degruyter.com/den-kalten-krieg-vermessen/frank-reichherzer-trilateral-commission/