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Jürgen Dinkel: Die Blockfreien/Bündnisfreien

1 Leave a comment on paragraph 1 0 In der Nacht auf den 13. August 1961 begann die Regierung der DDR mit dem Bau von zusätzlichen Grenzsicherungsanlagen. Die Berliner Mauer gilt seitdem als Manifestation des „Eisernen Vorhangs“ und als Symbol für die Zweiteilung der Welt, in ein demokratisch-kapitalistisches und ein kommunistisches Lager während des Ost-West-Konfliktes. Die Ursprünge des Konfliktes reichten zeitlich freilich weiter zurück. Je nach Interpretation werden unter anderem die Oktoberrevolution 1917, das „Lange Telegramm“ von George Kennan 1946 oder auch die erste Berlin Krise 1948/49 als Beginn der weltanschaulichen bipolaren Systemkonkurrenz genannt. Die Führungsmächte beider Blöcke – die Sowjetunion und die USA – kannten zunächst nur Verbündete oder Feinde und teilten die Welt in Einflusszonen auf. In Europa war die Demarkationslinie zwischen Ost und West relativ schnell und eindeutig gezogen – spätestens mit dem Bau der Berliner Mauer war die Lagergrenze für die nächsten Jahrzehnte fest zementiert. Neue Verbündete waren für beide Seiten daher auf dem europäischen Kontinent kaum mehr zu gewinnen. Anders sah es hingegen in der außereuropäischen Welt aus, weshalb sich der Kampf um neue Einflusssphären in den 1950er Jahren dorthin verlagerte und wodurch sich das Ringen der Supermächte zu einem globalen Konflikt ausweitete.[1]

2 Leave a comment on paragraph 2 2 In Asien und Afrika lösten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die europäischen Kolonialreiche auf. Bis Mitte der 1970er Jahre entstanden auf beiden Kontinenten zusammen mehr als 100 neue Staaten. Deren Regierungen suchten mehrheitlich nicht die eindeutige An- bzw. Einbindung in eines der beiden bestehenden weltpolitischen Lager. Viele von ihnen lehnten vielmehr die von den Supermächten forcierte Einteilung der Welt in zwei Blöcke explizit ab. Stattdessen demonstrierten sie durch eigene außenpolitische Initiativen – wie etwa durch die weltweit beachtete Asiatisch-Afrikanische Konferenz von Bandung 1955 – eindrucksvoll, dass sie sich als neue Staaten nicht einfach einer anderen Macht unterordnen würden, sondern ihre eigenen außenpolitischen Interessen teilweise innerhalb und zum Teil jenseits des Ost-West-Konfliktes verfolgen wollten. In der Auseinandersetzung zwischen Ost und West ließen sich die postkolonialen, und häufig „unterentwickelten“ Staaten nicht eindeutig verorten. Sie stellten daher einen vermeintlich von beiden Lagern unterscheidbaren „dritten Raum” dar, der seit den 1950er Jahren als „Dritte Welt“ bezeichnet wurde, und der schnell den Hauptschauplatz des Kalten Kriegs markierte.[2]

3 Leave a comment on paragraph 3 0 Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen mussten die Regierungen der Sowjetunion und der USA Mitte der 1950er Jahre anerkennen, dass sie keineswegs in der Lage waren, das außenpolitische Handeln der postkolonialen Staaten zu steuern, und dass einige der neuen Staaten nicht gewillt waren, sich einem der beiden bestehenden Blöcke anzuschließen. Gleichwohl gingen beide Seiten fest davon aus, dass sich die postkolonialen Staaten mittelfristig einem Lager zuordnen würden, und dass sie damit auf den Ausgang des Ost-West-Konfliktes Einfluss nehmen würden. Denn der Seite, der es gelänge, die meisten asiatischen und afrikanischen Staaten von ihrem Gesellschaftsmodell zu überzeugen oder durch militärische, politische und ökonomische Zuwendungen beziehungsweise Drohungen in ihr Lager zu integrieren, dieser Seite wäre es zugleich möglich, ihren globalen Einflussbereich enorm auszudehnen. Von diesen Überlegungen ausgehend, begannen die Regierungen in Moskau und Washington neue Strategien im Umgang mit den postkolonialen Ländern auszuarbeiteten. Das geschah verstärkt nach der Bandung-Konferenz und weitete den Ost-West-Konflikt dauerhaft über Europa hinaus in die postkoloniale Welt aus.

4 Leave a comment on paragraph 4 1 Regierungsmitarbeiter und Experten auf beiden Seiten arbeiteten Modernisierungsstrategien und -theorien zur Entwicklung der asiatischen und afrikanischen Länder aus und sowohl die Sowjetunion als auch die USA erhöhten das Volumen ihrer Entwicklungshilfe für diese Länder.[3] Zugleich erhöhten beide Machtzentren ihren militärischen, politischen und ökonomischen Druck auf die Regierungen in Asien und Afrika, um zumindest zu verhindern, dass diese sich der Gegenseite anschlössen. Auch Waffenlieferungen, die Ausbildung von Polizei- und Militäreinheiten sowie direkte Beteiligungen an Militärputschen und Kriegen waren Teil dieses Ringens um größeren Einfluss in verschiedenen Weltregionen. Interventionen der beiden Supermächte ließen deshalblokale oder regionale Konflikte in der außereuropäischen Welt häufig eskalierten. Der Kalte Krieg wurde in weiten Teilen der Welt als „heißer“ Krieg geführt,[4] was wiederum mit dazu führte, dass zunehmend mehr Staaten ihre Distanz zu beiden Blöcken betonten.

5 Leave a comment on paragraph 5 0 Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre beobachteten westliche Journalisten, Politikwissenschaftler und Diplomaten daher ein neuartiges Phänomen in den internationalen Beziehungen: die Entstehung zahlreicher neutraler und bündnisfreier Staaten. Das Prinzip der Neutralitätspolitik und die Existenz neutraler Staaten waren an sich nicht unbekannt. Mit der Schweiz befand sich der Prototyp eines neutralen Staates mitten in Europa. Neu war allerdings die große Zahl der entstehenden neutralen und bündnisfreien Länder, ihre geographische Verortung größtenteils in Asien und Afrika und vor allem ihr Bekenntnis zu einer aktiven Weltpolitik. Denn während sich in Europa die meisten Länder im Kontext des Kalten Krieges in Militär- und Wirtschaftsbündnissen zusammengeschlossen hatten, distanzierten sich viele postkoloniale Staaten von diesen Pakten. In verschiedensten Formulierungen wiederholten deren Regierungen, die sich mehrheitlich gerade erst aus dem Einflussbereich der europäischen Kolonialmächte gelöst hatten, dass sie sich nicht dem globalen Führungsanspruch einer Supermacht unterordnen wollten, sondern dass sie eine von den Blöcken unabhängige Politik betreiben und in internationalen Fragen ihre eigenen Entscheidungen treffen würden. Die innen- und außenpolitischen Gründe, die zu diesen Entscheidungen führten variierten von Land zu Land bzw. besaßen in den verschiedenen Ländern unterschiedliches Gewicht. Unabhängig von den Ursachen, die dazu führten, dass eine Regierung eine bündnisfreie Politik verfolgte, führte der Entschluss zu einer solchen Politik dazu, dass sich diese Regierungen der bipolaren Logik des Kalten Krieges widersetzten, das heißt dem Druck der Supermächte, sich im Ost-West-Konflikt eindeutig zugunsten von einer von beiden Seiten zu positionieren.[5]

6 Leave a comment on paragraph 6 2 Vor diesem Hintergrund gewann für den Kreml und das Weiße Haus die nur drei Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer am 1. September 1961 in Belgrad beginnende Konferenz von Regierungen bündnisfreier Staaten an Bedeutung. Zu dieser Konferenz hatten die Staatsoberhäupter von Jugoslawien (Josip Broz Tito), Ägypten (Gamal Abdel Nasser), Indien (Jawaharlal Nehru) und Ceylon – heute: Sri Lanka – (Sirimavo Bandaranaike) im Frühjahr 1961 eingeladen und über 20 Regierungen aus Asien und Afrika sowie Kuba hatten ihre Teilnahme zugesagt. Aus der Perspektive beider Supermächte schienen sich somit in der jugoslawischen Hauptstadt die Staatsoberhäupter von denjenigen Ländern zu treffen, die sich noch nicht einem der beiden Blöcke angeschlossen hatten. Die Regierungen und Außenministerien der Sowjetunion und der USA sowie deren Verbündete diskutierten und intensivierten daher in den letzten Augustwochen, insbesondere nach dem Bau der Berliner Mauer, ihre Versuche, die bündnisfreien Staaten zu beeinflussen. Im Idealfall wollten sie nach wie vor die „neutralen“ oder „blockfreien“ Regierungen dieser aus ihrer Sicht nun neuen „Dritten Kraft“ der Weltpolitik für das eigene Lager gewinnen. In jedem Fall galt es aber, den Anschluss dieser Staaten an das andere Lager zu verhindern, wofür beide Seiten zu erheblichen diplomatischen und ökonomischen Zugeständnisse an die Bündnisfreien bereit waren. Das wiederum eröffnete den Bündnisfreien auf ihrer Konferenz in Belgrad unerwartete diplomatische Handlungsspielräume.

7 Leave a comment on paragraph 7 1 Die Regierungen der 25 Länder, die sich am 1. September 1961 in Belgrad trafen, nahmen die ihnen von den Supermächten zugeschriebene und von ihnen selbst auch seit mehreren Jahren geforderte Rolle im Ost-West-Konflikt an. In zahlreichen Reden, Inszenierungen und schließlich auch in der Konferenzdeklaration charakterisierten sich die Teilnehmer selbst als „Gewissen der Menschheit“, als „Dritte Stimme“ oder als „Vermittler“ zwischen den Supermächten. Sie beharrten darauf, die Mehrheit der Weltbevölkerung zu repräsentieren und durch ihre bündnisfreie Politik einen Weg aus der Blockkonfrontation hin zu einer sichereren und friedlicheren Welt aufzuzeigen. Daraus leiteten sie einen moralischen Anspruch ab, der ihnen Verhandlungsmacht gegenüber den Supermächten verleihen sollte.[6] Ihre Position als „Dritte“ im Ost-West-Konflikt nutzten sie, um zwischen Ost und West zu vermitteln, aber auch um sich vor Interventionen der Supermächte zu schützen sowie um für ihre einzelnen Staaten zusätzliche Entwicklungshilfegelder auszuhandeln.

8 Leave a comment on paragraph 8 1 Weltweit avancierten das Treffen in Belgrad und die später institutionalisierte Bewegung Bündnisfreier Staaten damit zu Projektionsflächen für Neutralisten, Friedensaktivisten und anderen politischen Akteuren, die nach Auswegen aus dem Ost-West-Konflikt jenseits der direkten Konfrontation suchten. Insofern unterminierten die Bündnisfreien die bipolare Logik des Kalten Krieges. In ihrer Bewegung manifestierte sich eine politische Alternative zur Blockzugehörigkeit bzw. zur spezifischen Weltdeutung der Kalten Krieger, was ihnen immer wieder größeres politisches Gewicht verlieh, das sie für ihre eigene Interessen und Ziele nutzten.

9 Leave a comment on paragraph 9 2 Was in der Forschung bislang allerdings häufig übersehen wurde, ist die Tatsache, dass die bündnisfreien Regierungen ihren politischen Handlungsspielraum und ihr diplomatisches Gewicht zwischen den Blöcken hauptsächlich nutzten, um eine Weltdeutung zu popularisieren, für die das strukturierende Merkmal der internationalen Politik nicht in einem Ost-West-, sondern in einem Nord-Süd-Konflikt lag, das heißt im Gegensatz zwischen den industrialisierten Ländern der nördlichen Hemisphäre und den südlichen Entwicklungsländern. In Belgrad betonten vor allem die Delegierten der erst seit wenigen Jahren oder gar Monaten unabhängigen afrikanischen Staaten gegenüber Diplomaten und Journalisten aus Ost und West immer wieder, dass ihnen der Kampf um Einflusssphären zwischen der Sowjetunion und den USA weniger wichtig sei, als die vollständige Abschaffung und Beseitigung kolonialer Herrschaft, die noch in Teilen Afrikas existiere. Zusammen mit allen anderen Delegierten forderten sie zudem die Schaffung einer internationalen Handels- und Wirtschaftsordnung, die es ihnen ermögliche, ohne die Hilfe von außen ihre Länder zu modernisieren.

10 Leave a comment on paragraph 10 1 Schon in der Zwischenkriegszeit und verstärkt seit Ende der 1940er Jahre hatten lateinamerikanische, asiatische und arabische Regierungen auf eine Reform der internationalen Handelsregeln gedrängt. Denn die Kritik an der Wirtschaftspolitik der Kolonialmächte und das Versprechen, Wohlstand und Wachstum nach der Unabhängigkeit zu schaffen, waren für die antikolonialen Bewegungen wichtige Strategien gewesen, mit denen sie die Kolonialherrschaft delegitimiert und ihre Anhänger mobilisiert hatten. Nach der politischen Unabhängigkeit galt es nun für die postkolonialen Regierungen, dieses Versprechen einzulösen. Zusätzliche innenpolitische Bedeutung erhielt die Wirtschaftspolitik für die meisten neuen Regierungen dadurch, dass sie nicht demokratisch legitimiert waren und in der Verbesserung der Lebensumstände ihrer Bevölkerung einen Weg sahen, ihre Herrschaft zu rechtfertigen. Außenpolitisch sollte eine starke Wirtschaft ihre staatliche Souveränität schützen und ihr unabhängiges Mitspracherecht in der internationalen Politik sichern. Durch den Rückgriff auf Modernisierungstheorien östlicher oder westlicher Prägung, durch großflächige Landreformen und mit Hilfe der nördlichen Industrieländer sowie der Vereinten Nationen, strebten postkoloniale Regierungen die Modernisierung ihrer Volkswirtschaften an. Relativ schnell nach der Unabhängigkeit stießen sie aber auf Probleme und Hindernisse bei der Umsetzung ihrer ökonomischen Großprojekte. Die Gründe hierfür waren vielfältig und je nach Land unterschiedlich. Relativ übereinstimmend sahen die postkolonialen Regierungen die Ursachen hierfür jenseits innenpolitischer Schwierigkeiten in der internationalen Weltwirtschaftsordnung. Die Forderungen nach einer Reform des Weltwirtschaftssystems waren daher seit Ende der 1940er Jahre ein fester Bestandteil postkolonialer Treffen in und außerhalb der Vereinten Nationen sowie von Treffen zwischen postkolonialen Staaten und den nördlichen Industrieländern, ohne dass diese Gespräche zunächst merkliche Folgen nach sich gezogen hätten.[7]

11 Leave a comment on paragraph 11 5 Mittelfristig gelang es den postkolonialen Regierungen jedoch, ihre wirtschaftspolitischen Forderungen auf die Agenda der internationalen Politik zu setzen und die damit verbundene Weltsicht weltweit zu verbreiten und zu verankern. Ausschlaggebend waren hierfür vier Prozesse, die zeitweise getrennt voneinander und zeitweise eng miteinander verschränkt abliefen: Erstens gewannen die wirtschaftspolitischen Forderungen der asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten in der internationalen Politik schlicht dadurch an Gewicht, dass zwischen den 1950er und 1970er Jahren in Asien und Afrika immer mehr neue Staaten entstanden, die nach und nach auch in internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen aufgenommen wurden. Zweitens nannten zunehmend mehr postkoloniale Regierungen ähnliche Faktoren als Hemmnisse für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes. Sie bemängelten insbesondere die politische Instrumentalisierung von Entwicklungshilfe durch die Industrieländer sowie die für sie als rohstoffexportierende Länder nachteiligen Handelsregeln und die noch aus der Kolonialzeit stammenden Rechte multinationaler Firmen zur Ausbeutung und Verarbeitung von Rohstoffen auf dem Territorium ihrer Staaten, die sich in der Praxis weiterhin ihrem politischen Zugriff entzogen und die Souveränität ihrer Staaten einschränkten. Diese unter dem Schlagwort der Dependenz-Theorie von dem lateinamerikanischen Ökonomen Raúl Prebisch verbreitete Kritik an der Weltwirtschaftsordnung machten sich nach der politischen Unabhängigkeit immer mehr postkoloniale Regierungen zu eigen, die ihre wirtschaftspolitischen Forderungen nun auch wissenschaftlich bestätigt sahen.[8] In anderen Worten: In den 1960er Jahren verknüpften sich die wirtschaftspolitischen Forderungen postkolonialer Staaten mit den Theorien einer bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Schule, wodurch einerseits Politiker ihre Forderungen mit dem Verweis auf wissenschaftliche Ergebnisse untermauern konnten und andererseits Wissenschaftler in ihren Forschungen von Politikern unterstützt wurden. Zusätzliche Plausibilität gewann die Dependenz-Theorie zudem dadurch, dass Anfang der 1970er Jahre die in Bretton Woods etablierte internationale Wirtschaftsordnung zusammenbrach und der Club of Rome seine Studie „Die Grenzen des Wachstums“[9] veröffentlichte, in welcher er ebenfalls die herrschende Wirtschaftsordnung kritisierte. Beide Ereignisse stießen eine globale Debatte über Formen und Folgen wirtschaftlicher Ideologien und wirtschaftlicher Praxis an, in denen die bündnisfreien und postkolonialen Länder nun durch eine engere Kooperation ihren Forderungen nach einer Neuen Internationalen Weltwirtschaftsordnung Gehör verschaffen konnten.

12 Leave a comment on paragraph 12 5 Denn die bündnisfreien respektive postkolonialen Staaten intensivierten drittens in den 1970er Jahren ihre Zusammenarbeit, die in ihren Anfängen bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts zurückreichte. Produkt und Katalysator dieser Entwicklung war im Herbst 1973 die von der Organization of Arab Petrol Exporting Countries (OAPEC) koordinierte Ölliefer- und Ölpreispolitik gegenüber den Staaten, die Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützten. Auf eindrückliche Weise hatten die Regierungen von Saudi-Arabien, Kuwait, dem Irak, Libyen, Algerien, Ägypten, Syrien, Abu Dhabi und Bahrain demonstriert, dass zwischen ihnen – trotz aller bestehender Affinitäten – eine Kooperation im internationalen Handeln durchaus möglich war, und sie gemeinschaftlich Druck auf die westlichen Industrieländer ausüben konnten. In der gemeinsamen Politik der OAPEC-Länder realisierte sich damit global wahrnehmbar die zu dieser Zeit geforderte Zusammenarbeit postkolonialer respektive bündnisfreier Staaten. Die OAPEC-Politik und ihre „Öl-Waffe“, das Ergebnis einer gemeinsamen koordinierten Rohstoffpolitik, avancierten zu einem Vorbild und zum Antrieb für weitere politische und wirtschaftliche Kooperationsbestrebungen in der postkolonialen Welt.[10] Im gleichen Zeitraum schlossen sich immer mehr Staaten der Bewegung Bündnisfreier Staaten an, die in den 1970er Jahren knapp 100 Mitgliedsstaaten zählte, ihre internationalen Aktivitäten intensivierte und feste Strukturen der Zusammenarbeit ausbildete. Zusätzlich arbeitete die Bewegung enger mit anderen internationalen Organisationen (z.B. UNCTAD) zusammen. Ihren wirkmächtigen Höhepunkt erreichte die Bewegung Bündnisfreier Staaten in enger Kooperation mit der Gruppe der 77 Mitte der 1970er Jahre. Im Mai 1974 verabschiedeten die Vereinten Nationen auf Initiative der Bewegung Bündnisfreier Staaten die „Erklärung über die Errichtung einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung“ und im Dezember 1974 die „Charta über die wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten“, die zum Teil wortwörtlich und im Ganzen sinngemäß den früheren wirtschaftspolitischen Resolutionen der Bündnisfreien entsprachen. Damit war es den Bündnisfreien gelungen, ihre eigenen politischen Forderungen, insbesondere die nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung auf die Agenda der internationalen Politik zu setzen, Resolutionen in den Vereinten Nationen zu verabschieden und sich im Rahmen der Süd-Süd-Beziehungen zu koordinieren, wodurch sie die Deutungsmacht der Industrieländer auf verschiedenen politischen Gebieten herausforderten. Die Auseinandersetzungen zwischen den asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten und den Industriestaaten der nördlichen Hemisphäre mündeten in den 1970er Jahren in den Nord-Süd-Konflikt, der die Weltordnungsentwürfe der Sowjetunion und der USA herausforderte und diesen ein wirkmächtiges und weltweit rezipiertes alternatives Ordnungsmuster der internationalen Ordnung entgegenstellte; zu einem Zeitpunkt als die Entspannungspolitik zwischen Ost und West ihren Höhepunkt erreichte.[11]

13 Leave a comment on paragraph 13 1 Diese Entwicklung war auch dadurch ermöglicht worden, dass sich – viertens – Anfang der 1970er Jahre die internationalen Beziehungen auch auf anderen Feldern veränderten. Ausschlaggebend für diese Wandlungen der internationalen Politik waren die Entspannungspolitik zwischen der Sowjetunion und den USA, die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die Verträge zur nuklearen Rüstungsbegrenzung (SALT, vom engl. Strategic Arms Limitation Talks), die Aufnahme der Volksrepublik China in die Vereinten Nationen sowie der bereits erwähnte Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems.[12] In den 1970er Jahren brach die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene Weltwirtschaftsordnung zusammen und der Glaube an Modernisierungstheorien wurde erschüttert. Der Ost-West-Konflikt trat in eine Phase der Entspannung ein, neue internationale Organisationen entstanden und die Bereitschaft zur multilateralen Kooperation nahm zu. In dieser Situation gelangten neue Themen – wie Menschenrechte oder Umweltschutz – dauerhaft auf die Agenden der internationalen Politik, wobei es zunächst vor allem die bereits erwähnten wirtschaftspolitischen Forderungen der bündnisfreien und postkolonialen Staaten waren, welche die internationalen Debatten bestimmten und die 1970er Jahre zum Jahrzehnt des Nord-Süd-Konfliktes machten.

14 Leave a comment on paragraph 14 1 Das außenpolitische Handeln der Regierungen bündnisfreier Staaten macht damit in zweierlei Hinsicht die Grenzen des Ordnungsmusters Kalter Krieg nach 1945 deutlich. Erstens widersetzten sie sich der bipolaren Logik des Ost-West-Konfliktes. Sie ließen sich keinem Lager eindeutig zuordnen und nahmen eine dritte Position im Ost-West-Konflikt ein. Zweitens, und das ist noch bedeutungsvoller, brachten die außenpolitischen Initiativen der Bewegung Bündnisfreier Staaten in den 1970er Jahren eine alternative Ordnungslogik des internationalen Systems hervor. Für die internationale Politik war in dieser Logik der Ost-West-Konflikt weniger von Bedeutung als der Gegensatz zwischen den unterentwickelten Ländern der südlichen Hemisphäre und den industrialisierten Ländern der Nordhalbkugel.

15 Leave a comment on paragraph 15 2 Gleichwohl blieben die Bündnisfreien mit dieser Weltdeutung in der bipolaren Ordnungslogik der Moderne verhaftet. Sie nutzten ihre „dritte“ Position im Ost-West-Konflikt und den damit verbundenen politischen Handlungsspielraum zwar geschickt, um die bipolare Logik des Kalten Krieges zu unterlaufen, zu hinterfragen und für ihre eigenen politischen Interessen auszunutzen. Ihre als Alternative vorgetragene Deutung globaler Strukturen, der Konflikt zwischen den Entwicklungsländern der südlichen und den Industrieländern der nördlichen Halbkugel basierte jedoch ebenfalls auf einer Zweiteilung der Welt, in der Staaten die maßgeblichen Akteure darstellten. Erst in den 1990er Jahren ließen die Bündnisfreien beispielsweise NGOs als Teilnehmer an ihren Konferenzen zu und akzeptierten sie als Gesprächspartner.

16 Leave a comment on paragraph 16 1 Die Geschichte und die Politik der Bündnisfreien verweist damit auf die enge Verzahnung von Ost-West- und Nord-Süd-Konflikt sowie auf die enorme Prägekraft modernen Ordnungsdenkens. Denn die Bündnisfreien stellten zwar einerseits eine Alternative im Kalten Krieg dar, welche dessen bipolarer Logik unterlief. Andererseits waren ihre politischen Anstrengungen auf die Durchsetzung einer bipolaren Weltdeutung gerichtet, die sich von der des Kalten Krieges nur durch eine veränderte Lagerzuteilung unterschied. In ihrer politischen Blütezeit der 1970er Jahre war die Bewegung Bündnisfreier Staaten kein Akteur, der auf vielgestaltige und multipolare Weltordnungen hinarbeitete, sondern ein Akteur, der mit dem Nord-Süd-Gegensatz zwar eine vom Ost-West-Konflikt unterschiedliche, aber dennoch spezifisch bipolare Weltsicht durchsetzen wollte.

17 Leave a comment on paragraph 17 0 Die Beschäftigung mit der Bewegung Bündnisfreier Staaten und der Politik ihrer Mitglieder kann somit dazu beitragen, die Grenzen des Ost-West-Konfliktes präziser zu vermessen und Theorien zur kulturtheoretischen Figur des Dritten empirisch zu untermauern und zu verfeinern. Anhand von vier Punkten soll dies abschließend aufgezeigt werden: Erstens wird die gängige Semantik zur Beschreibung des Phänomens der Bündnisfreiheit hinterfragt und eine alternative Terminologie vorgeschlagen, durch welche die Grenzen des Ost-West-Konfliktes stärker in den Blick geraten. In der DDR etablierte sich in Anlehnung an die offizielle deutschsprachige Bezeichnung der Vereinten Nationen der Begriff der „Nichtpaktgebundenheit“ für das Phänomen der Bündnisfreiheit. In der BRD nutzten Journalisten, Wissenschaftler und Politiker hingegen in der Regel den Begriff der „Blockfreiheit“. Beide Bezeichnungen reduzieren die bündnisfreie Politik allerdings auf ihre Distanz zu den Militärpakten des Kalten Krieges, und tendieren zumindest dazu, die Bewegung in der Logik des Kalten Krieges als Figur des Dritten zu verorten, während sie andere Facetten der Bewegung außer Acht lassen. Sie legen damit eine Deutung der Bewegung als Produkt des Ost-West-Konfliktes nahe, und bestätigen das Ordnungsmuster Kalter Krieg.

18 Leave a comment on paragraph 18 1 Demgegenüber ist der in diesem Essay verwendete Begriff der „Bündnisfreiheit“ offener. Dieser erscheint auch als eine angemessenere Übersetzung des von den Bündnisfreien im Englischen verwendeten Begriffs des „Non-Alignment“ zur Bezeichnung ihrer Politik. Unter einer „non-aligned policy“ verstanden die Regierungen bündnisfreier Staaten eine Politik, die nicht nur die Überwindung der Militärpakte des Kalten Krieges, sondern grundsätzlich die vollständige, auch wirtschaftspolitische, Unabhängigkeit ihrer Staaten zum Ziel hatte. Dieser Kern einer bündnisfreien Außenpolitik, der in den 1970er Jahren hauptsächlich auf eine Reform der internationalen Wirtschaftsbeziehungen und auf den Nord-Süd-Konflikt gerichtet war gerät durch den Begriff der „Bündnisfreiheit“ eher als durch die geläufigere Begrifflichkeit der „Blockfreiheit“ in den Blick, und zugleich legt er weniger stark als die anderen deutschen Begriffe eine Verortung der Bewegung im Ost-West-Konflikt nahe. Um die Grenzen der bipolaren Logik des Ost-West-Konfliktes in der internationalen Geschichte nach 1945 vermessen und analysieren zu können, ist es daher in diesem Fall sinnvoll, neue Begrifflichkeiten für ein scheinbar bekanntes Phänomen zu prägen. Im Hinblick auf den konkreten Gegenstand des Essays wird daher vorgeschlagen, anstatt weiterhin von „Blockfreiheit“ und der „Bewegung Blockfreier Staaten“ zukünftig von „Bündnisfreiheit“ und der „Bewegung Bündnisfreier Staaten“ zu sprechen.[13]

19 Leave a comment on paragraph 19 1 Zweitens untermauert die Institutionalisierung der Bewegung Bündnisfreier Staaten die Annahme, dass die Akzeptanz eines Dritten auch vom „Aggressions- und Angstpegel“ innerhalb einer bestimmten Ordnung abhängt. Während die Sowjetunion und die USA auf dem Höhepunkt des Ost-West-Konfliktes mit allen Mitteln versuchten, die Entstehung bündnisfreier Staaten zu verhindern, nahmen sie in den 1970er Jahren auf dem Höhepunkt der internationalen Entspannungspolitik eine deutlich tolerantere Haltung gegenüber den Bündnisfreien ein, was deren dauerhaften Zusammenschluss in der Bewegung Bündnisfreier Staaten mit ermöglichte.

20 Leave a comment on paragraph 20 1 Drittens verweist die Geschichte der Bewegung Bündnisfreier Staaten auf ein weniger beachtetes Charakteristikum des „Dritten“.[14] Dieses besteht darin, dass der Dritte es sich nicht in seiner „dritten Position“ einrichtet, dass er Ambivalenzen und Vielfalt nicht positiv konnotiert, sondern seine „randständige“ Rolle zu überwinden sucht, auch durch Ausnutzung des Antagonismus zwischen Erstem und Zweitem. Zumindest die Bündnisfreien nutzten ihre „dritte Position“ im Ost-West-Konflikt um ihren außenpolitischen Handlungsspielraum zu vergrößern, und um eine andere duale Weltdeutung, nämlich die des Nord-Süd-Konfliktes, durchzusetzen, in welcher sie die Position des Ersten oder des Zweiten beanspruchten. Dieses Beispiel erinnert somit daran, die zeitgenössische Wahrnehmung des Dritten und seiner „dritten“ Position ernst zu nehmen, und in Betracht zu ziehen, dass Dritte ihre Position durchaus als defizitär interpretieren konnten und zu überwinden trachteten.

21 Leave a comment on paragraph 21 0 Schließlich bestätigt das seit einigen Jahren deutlich ansteigende Interesse von Historikerinnen und Historikern an der Bewegung Bündnisfreier Staaten den Trend, sich mit Figuren des Dritten auseinanderzusetzen. Zugleich erweitern diese Forschungen das Ensemble der bisher analysierten Figuren um eine internationale Organisation. Im Wechselspiel eröffnen sich dadurch neue Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand und zugleich modifizieren die Ergebnisse dieser Forschungen Überlegungen zu anderen Figuren des Dritten.

22 Leave a comment on paragraph 22 0  

Literatur

  • 23 Leave a comment on paragraph 23 0
  • Braveboy-Wagner, Jacqueline Anne:  Institutions of the Global South, New York 2009.
  • Brog, Hildegard: Handel statt Hilfe. Die entwicklungspolitischen Vorstellungen in der Havanna-Charta 1947/48, Frankfurt a.M. 1990.
  • Dinkel, Jürgen: Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Genese, Organisation und Politik, 1927-1992, Berlin 2015.
  • Dinkel, Jürgen: „DritteWelt“. Geschichte und Semantiken, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 6. 10.2014, URL: http://docupedia.de/zg/Dritte_Welt (14.9.2016).
  • Ferguson, Niall / Maier, Charles S.  / Manela, Erez / Sargent, Daniel J.  (Hg.): The Shock of the Global. The 1970s in Perspective, Cambridge, Mass 2010.
  • Garavini, Giuliano: Completing Decolonization. The 1973 ‘Oil Shock’ and the Struggle for Economic Rights, in: The International History Review 33 (2011) 3, S. 473–487.
  • Graf, Rüdiger: Making Use of the „Oil Weapon“. Western Industrialized Countries and Arab Petropolitics in 1973–1974, in: Diplomatic History 36 (2012) 1, S. 185–208.
  • Greiner, Bernd/ Müller, Christian Th./Walter, Dierk (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006.
  • Humanity, Special Issue: Toward a History of the New International Economic Order, Humanity, 6 (1015) 1. http://humanityjournal.org/issue-6-1/ (12.09.2016).
  • Koschorke Albrecht: Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, in: Esslinger, Eva/ Schlechtriemen, Tobias/Schweizer, Doris/ Zons Alexander (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Frankfurt a.M. 2010, S. 9-31.
  • Meadows, Dennis/Meadows, Donella/Zahn, Erich/Milling, Peter/Heck, Hans-Dieter (Hg.): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.
  • Rostow, Walt W. The Stages of Economic Growth. A Non-Communist Manifesto. Cambridge University Press 1960.
  • Toye, John/Toye, Richard: The UN and Global Political Economy. Trade, Finance, and Development, Bloomington/Indiana 2004.
  • Vujović, Slobodan (Hg.): The Conference of Heads of State or Government of Non-Aligned Countries. Belgrade, September 1-6. 1961, Belgrade 1961.
  • Westad, Odd Arne: The Global Cold War. Third World Interventions and the Making of Our Times, Cambridge 2008.

24 Leave a comment on paragraph 24 0 Der Essay basiert auf Dinkel: Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Dort finden sich die folgenden Überlegungen und Argumente ausführlicher dargelegt und detaillierter belegt.

25 Leave a comment on paragraph 25 0 [1] Vgl. Greiner/Müller/Walter (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg; Westad: The Global Cold War.

26 Leave a comment on paragraph 26 0 [2] Dinkel: „Dritte Welt“.

27 Leave a comment on paragraph 27 0 [3] Das politisch wohl einflussreichste und bekannteste Produkt dieser Maßnahmen ist Walt W. Rostows Modernisierungstheorie, vgl. Rostow: The Stages of Economic Growth.

28 Leave a comment on paragraph 28 0 [4] Greiner/Müller/Walter (Hg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg.

29 Leave a comment on paragraph 29 0 [5] Dinkel: Die Bewegung Bündnisfreier Staaten, S. 99-111.

30 Leave a comment on paragraph 30 0 [6] Siehe Vujović (Hg.): The Conference of Heads of State or Government of Non-Aligned Countries.

31 Leave a comment on paragraph 31 0 [7] Siehe Brog: Handel statt Hilfe;  Braveboy-Wagner: Institutions of the Global South; Toye/Toye: The UN and Global Political Economy.

32 Leave a comment on paragraph 32 0 [8] Vgl. Toye/Toye: The UN and Global Political Economy, S. 126-128.

33 Leave a comment on paragraph 33 0 [9] Meadows/Meadows/Zahn/Milling/Heck (Hg.): Die Grenzen des Wachstums.

34 Leave a comment on paragraph 34 0 [10]Siehe. Graf, Making Use of the „Oil Weapon”; Garavini, Completing Decolonization.

35 Leave a comment on paragraph 35 0 [11] Vgl. Sonderausgabe der Zeitschrift Humanity zur Neuen Weltwirtschaftsordnung, Toward a History of the New International Economic Order, Humanity, 6 (1015) 1.

36 Leave a comment on paragraph 36 0 [12] Für eine Betrachtung der 1970er Jahre aus globaler Perspektive vgl. Ferguson/Maier/Manela/Sargent (Hg.): The Shock of the Global. The 1970s in Perspective, Cambridge, Mass 2010.

37 Leave a comment on paragraph 37 0 [13] Zur Begrifflichkeit „Blockfrei“ vs „Bündnisfrei“ vgl. Dinkel, Die Bewegung Bündnisfreier Staaten, S. 21-22.

38 Leave a comment on paragraph 38 0 [14] Siehe Koschorke, Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften.

Source: https://opr.degruyter.com/den-kalten-krieg-vermessen/jurgen-dinkel-die-blockfreienbundnisfreien/