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Michel Christian: UNCTAD

1 Leave a comment on paragraph 1 0 Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (United Nations Conference for Trade and Development, UNCTAD) fand zum ersten Mal im Frühling 1964 statt.[1] Sie wurde als ein Forum zur Neuausrichtung des Welthandels zum Nutzen der neu benannten „Entwicklungsländer“ gedacht und trug zu den Versuchen bei, eine „neue Weltwirtschaftsordnung“ ins Leben zu rufen[2].

2 Leave a comment on paragraph 2 2 Sowohl in ihren Forderungen als auch in ihrer Funktionsweise stand bei UNCTAD die Nord-Süd Spaltung im Vordergrund.[3] Ebenfalls stand die Frage der Herausbildung eines Dritten, in der Mitte, zwischen  dem „kapitalistischen“ oder dem „sozialistischen“ Gesellschaftsmodel auf der Agenda. Die Ordnungsvorstellung des Kalten Krieges spielte somit zumindest in der Theorie keine entscheidende Rolle. Entwicklung und Entwicklungsländer können als „Das Dritte“ gegenüber der binären Logik des Kalten Krieges betrachtet werden. Hier zeigt sich jedoch noch die Besonderheit, dass im Rahmen der UNCTAD das Dritte nicht am Rande sondern im Zentrum stand oder, besser gesagt, ins Zentrum gerückt wurde.

3 Leave a comment on paragraph 3 1 Dieser Beitrag stellt die Frage, inwiefern die UNCTAD die Ordnungsvorstellung des Kalten Krieges in Frage stellte und wie ihre Entstehung sowie ihre Tätigkeit in unterschiedlichen Weisen davon beeinflusst wurden. Dafür dokumentiert er die Etablierung der UNCTAD als internationale Organisation, mit einem besonderen Blick auf die diplomatischen Prozesse, die unter den Ostblockstaaten parallel liefen. Darüber hinaus stützt er sich auf das Material der sogenannten „Abteilung für Handel mit den sozialistischen Ländern“, die von 1968 bis 1990 beim Sekretariat der UNCTAD existierte, um zu zeigen, wie das Sekretariat mit den Versuchen der Ostblockstaaten umging, einen besonderen Platz in UNCTAD einzunehmen..

Der Einfluss der Ostblockländer in der Entstehung der UNCTAD

4 Leave a comment on paragraph 4 0 Als Forum für die Unterstützung der Entwicklungsländer bei der Schaffung neuer, gerechterer Handelsbeziehungen kann die UNCTAD als ein Ergebnis der Mobilisierung jener Länder betrachtet werden, die sich ab 1964 als sogenannte „Gruppe der 77“ formierten.[4] Im Juli 1962 kamen 36 „Entwicklungsländer“ in Kairo zusammen und forderten eine „Konferenz über der Probleme der Entwicklungsländer“, was zu der im Dezember 1962 angenommenen UN-Resolution Nr. 1785 (XVII) führte. Immer mehr Entwicklungsländer schlossen sich dieser Gruppe an, so dass sie 1964 den Namen „Gruppe der 77“ erhielt. Aus der Sicht der Ostblockländer hatte hingegen die UNCTAD ihren Ursprung in erster Linie in einer Initiative der UdSSR, welche den Entwurf der Resolution der UNO-Vollversammlung vorlegte.[5] Diese Resolution wurde dann von der Vollversammlung mit der massiven Unterstützung der Entwicklungsländer angenommen und führte zur Einberufung der „Konferenz für Handel und Entwicklung“. In dieser Fassung nehmen die UdSSR und die anderen Länder des Ostblocks, die Rolle des ersten Vertreters der Interessen der Entwicklungsländer ein.

5 Leave a comment on paragraph 5 0 Jedoch wurden im Laufe der Institutionalisierung der UNCTAD die wirklichen Motive vergessen, die die Ostblockländer ursprünglich bewegt hatten. Diese Motive hatten nur teilweise mit dem Interesse der Entwicklungsländer zu tun. Bis 1963, als die Konferenz in voller Vorbereitung war, wurde zum Beispiel in den vom Ministerium für Außenwirtschaft (MAI) der DDR verfassten Berichten, Anleitungen usw. noch in keinem einzigen Fall der Begriff „Entwicklungsländer“ benutzt. Dieser tauchte erstmalig systematisch in der Vorbereitungsphase der Konferenz 1963 auf, welche immer als „Welthandelskonferenz“ anstatt „Konferenz für Handel und Entwicklung“ bezeichnet wurde. Mehr als die Sorge für die Entwicklungsländer waren nämlich die „Diskriminierungen“ im Ost-West Handel entscheidend bei der Initiative, eine Handelskonferenz einzuberufen. Ein Dokument des MAI der DDR in Vorbereitung zu der Konferenz weist zum Beispiel eine „Zusammenfassung der Diskriminierungen nach Problemen“ auf.[6] Im September 1963 traf sich eine spezielle „Arbeitsgruppe“ des MAI und sprach über die „Feinddispositionen“ gegen die DDR, um eine Erklärung während der zweiten Sitzung des vorbereitenden Komitees der Konferenz abzugeben.[7] In einem Gespräch Ende Oktober 1963 zwischen Mitgliedern des MAI, des MfAA (Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten) und des Zentralkomitees (ZK) der SED tauchten noch das Argument und die Hoffnung auf, „die Welthandelskonferenz [komme] nicht umhin, sich, wenn auch wahrscheinlich verschwommen, für die Erweiterung des Ost-West-Handels auszusprechen“[8].

6 Leave a comment on paragraph 6 1 Der Schwerpunkt auf den Ost-West Handel ergab sich aus der neuen Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in Westeuropa. Die Schaffung einer Freihandelszone zwischen den westeuropäischen Ländern wurde von osteuropäischen Ländern, nicht nur politisch aber auch wirtschaftlich, als eine Bedrohung empfunden. Laut einem MAI Bericht vom 1962 „[wirke] sich die Integration imperialistischer Staaten hemmend auf den Ost-West Handel aus und [sei], abgesehen von ihren politischen Wirkungen, mit ökonomischen Nachteilen für die sozialistischen Länder verbunden“, insbesondere „im Hinblick auf die Einfuhr moderner Maschinen und Ausrüstungen, bestimmter Halbwaren sowie Nahrungs- und Genußmittel“. „Die Abstimmung und Koordinierung der Handelspolitik aller EWG-Länder gegenüber den Ländern des sozialistischen Lagers“ wurde als eine „Diskriminierung“ analysiert und verurteilt[9].

7 Leave a comment on paragraph 7 0 Angesichts dieser neuen Schwierigkeiten wurden die Forderungen der Länder der Gruppe 77 von den Ostblockländern zwar anerkannt aber mit Vorbehalt aufgenommen. In einem Entwurf einer Stellungnahme zum Vorbereitungskomitee der Konferenz ist etwa die Beurteilung zu finden, dass „die Vorschläge der Entwicklungsländer im wesentlichen nur Teilmaßnahmen aus den verschiedensten Gebieten [seien], mit denen das Kernproblem nicht umfassend gelöst werden [könne]“. Nur „die rasche Entwicklung der nationalen Industrie“ sei dann eine „grundlegende Lösung“[10]. Innerhalb der „Arbeitsgruppe des RGW“ (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe), die eine koordinierte und einheitliche Haltung zwischen den Ostblockländern ermöglichen sollte, kam es zwar zu „Meinungsverschiedenheiten“ über die Frage, ob die entwickelten Länder den Entwicklungsländern Zugeständnisse gewähren können oder werden[11]. In der Frage der internationalen Kompensationsfinanzierungen beschloss aber schließlich die Arbeitsgruppe der RGW, „keine große Aktivität zu entwickeln, jedoch trotzdem nicht offen abweisend aufzutreten“[12].

8 Leave a comment on paragraph 8 0 Diese Zurückhaltung schloss aber nicht aus, dass die Ostblockländer das Vorhaben einer Internationalen Handelsorganisation (IHO) vorantrieben. Mit der zukünftigen UNCTAD hatte dieses Vorhaben jedoch nur teilweise zu tun. Als das Thema auf einer Sitzung der Ständigen Kommission für Außenhandel im RGW im Juni 1963 beraten wurde, bekam die IHO das prioritäre Ziel, den Handel „unabhängig von den unterschiedlichen sozial-ökonomischen Systemen“ zu fördern, insbesondere durch „die Schwächung der negativen Folgen der wirtschaftlichen Integrierung in hochentwickelten kapitalistischen Ländern“. Weitere Forderungen „der proportionalen Entwicklung der Weltwirtschaft“ kamen erst in zweiter Linie. Das Vorhaben der IHO wurde im September 1963 vom Exekutivkomitee des RGW als Memorandum angenommen[13] und seine Modalitäten, insbesondere in taktischer Hinsicht, bis Dezember 1963 noch weiterdiskutiert[14]. Auf der zweiten Sitzung des UN-Vorbereitungskomitees der Konferenz im Juni 1963 wurde das sowjetische IHO-Vorhaben nur von einer Minderheit von Entwicklungsländern unterstützt.[15] Erst bei der dritten und letzten Sitzung des UN-Vorbereitungskomitees erhielt die IHO eine massive Unterstützung von Seite der Entwicklungsländer: ein von der Arbeitsgruppe des RGW verfasstes Memorandum wurde als „Konferenzdokument“ mit dem Titel „Grundprinzipien der internationalen Handelsbeziehungen“[16]. abgegeben und die Schaffung einer IHO wurde als Tagesordnungspunkt angenommen

9 Leave a comment on paragraph 9 0 Dieser Erfolg erklärte sich daraus, dass die Ostblockländer unter Beibehaltung ihres IHO-Vorhabens ihre Position entscheidend verändert hatten, um Forderungen der Entwicklungsländer zu nachzukommen. Es handelte sich nicht darum, ihre eigenen Ziele in Frage zu stellen oder gar zu ändern, sondern sie aus taktischen Gründen umzuformulieren. Die Entwicklungsländer bemühten sich nämlich, das Schwergewicht der Diskussionen von der Frage der Diskriminierungen im Handelauf die Frage der Entwicklung zu verlagern. Schon nach der zweiten Sitzung des UN-Vorbereitungskomitees der Konferenz im Juni 1963 setzten sie ihre Priorität durch: ein MAI Protokoll bedauerte, dass die Frage der Diskriminierungen an dieser Sitzung zur Seite gestellt wurde und dass die Konferenz „eine reine Entwicklungskonferenz“[17] würde. Eine Kurzinformation von August 1963 stellte ebenfalls fest, dass die Entwicklungsländer „sehr bemüht“ seien, „die Welthandelskonferenz ausschließlich für ihre Interessen zu benutzen“. Sie betrachteten die sowjetischen Forderungen als „zu politisch“ und man solle sich auf Kritik sowohl an den „imperialistischen“ als auch an den „sozialistischen“ Ländern vorbereiten.[18]

10 Leave a comment on paragraph 10 0 Es ist also kein Wunder, in einer Vorlage des MAI an das Politbüro der SED zu lesen, dass die Entwicklungsländer das Thema des Ost-West Handels nicht diskutieren wollten, da dieses als „politisch belastet“ galt[19]: „sie [betrachteten] die Welthandelskonferenz als ihre Konferenz, auf der sie ihre ökonomischen Probleme behandelt sehen möchten“[20]. Von den Ostblockländern, die sich bei der Sitzung der Arbeitsgruppe der RGW-Länder trafen, wurden im August 1963 schließlich anerkannt, dass sie „bei der Durchführung ihrer eigenen Linie in ihrer Taktik diesen Umstand berücksichtigen“ mussten. An dieser Tagung erarbeiteten sie „ein abgestimmtes Programm zu Fragen der Entwicklung des Handels mit den Entwicklungsländern“.[21] Dabei war auch „vorzusehen Halb- und Fertigerzeugnisse von den Entwicklungsländern in weitaus stärkerem Umfang als bisher zu übernehmen“[22]: dies bildete nach der Fixierung auf den Ost-West Handel eine erste Wende in der Ausrichtung der Außenhandelspolitik des RGW.

11 Leave a comment on paragraph 11 1 Die Konferenz für Handel und Entwicklung sollte die Probleme der Entwicklung durch die Neudefinierung der Handelsbeziehungen zwischen „entwickelten“ Ländern und „Entwicklungsländern“ behandeln. Der Ost-West Konflikt relativierte sie weitgehend, da sowohl „kapitalistische“ als auch „sozialistische“ Länder letztendlich nur zwei Typen von entwickelten Ländern bildeten. Der Vorbereitungsprozess der Konferenz zeigte jedoch die Schwierigkeit der „Dritten Welt“, ihre eigene Stimme in einer binären Weltordnung zu erheben. Von den westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern wurde die Initiative der Konferenz entweder ignoriert oder als Aufgabe für das GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) abgewertet. Von den osteuropäischen Ländern wurde hingegen die Initiative begrüßt aber zugleich instrumentalisiert, um ihre eigenen Interessen zu verteidigen. In Genf, wo die Konferenz stattfinden sollte, beeinflusste darüber hinaus die United Nations Economic Commission for Europe (UNECE).[23] Die unmittelbare Nähe der UNECE, die ihren Sitz im Palais des Nations in Genf hatte, sowie der Einsatz ihres Personal durch die verschiedenen Staaten in der Vorbereitung der Konferenz für Handel und Entwicklung erklärten, dass eine Reihe von Fragen aus dem europäischen Kontext direkt in den Vorbereitungsprozess der Konferenz vorzugsweise übernommen wurde, was die Ost-West Logik weitertrieb. Allerdings fand das letzte und entscheidende UN-Vorbereitungskomitee im Februar 1964 in New York statt. Das trug dazu bei, dass sich der Vorbereitungsprozess verselbstständigte. Begründet war dies darin, dass jedes Land über eine eigene Stimme verfügte und es so möglich wurde, dass die Konferenz in der ersten Linie die Frage der Entwicklung behandelte.

Die Gründung der UNCTAD als Neutralisierung des Ost-West Konflikts?

12 Leave a comment on paragraph 12 1 Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung fand vom 3. März bis zum 15. Juni 1964 in Genf statt. Als Folge der Konferenz wurde die UNCTAD als Nebenorgan der Vollversammlung der Vereinten Nationen in Dezember 1964 mit Sitz in Genf gegründet. Es handelte sich nicht um eine internationale Handelsorganisation, wie die Ostblockländer es gefordert hatten, sondern vielmehr um ein Forum, auf dem die Konferenz für Handel und Entwicklung alle vier Jahre stattfinden sollte. Um diesen Termin vorzubereiten, wurden allerdings ein Sekretariat und mehrere Kommissionen gebildet, die bald mehrere Hundert Angestellte beschäftigten (bis 400 am Ende der 1970er Jahre). Unter der energischen Leitung ihres Generalsekretärs Raul Prebischs gewann die UNCTAD rasch an Bedeutung und Autonomie.

13 Leave a comment on paragraph 13 3 Kennzeichnend für die UNCTAD war die Teilung ihrer Mitgliedsstaaten in vier Gruppen. Diese Teilung erfolgte nach unterschiedlichen Prinzipien, was zu komplizierten und sogar widersprüchlichen Situationen führen konnte. In der Gruppe A saßen die sogenannten „Entwicklungsländer“ (developing countries), d.h. ärmere Länder Afrikas und Asiens, aber auch Jugoslawien. In der Gruppe B saßen sogenannten „entwickelte Marktwirtschaftsländer“ (developed market economy countries), die sich faktisch aus den OECD und NATO Mitgliederstaaten zusammensetzten. Das schloss also auch Länder wie Spanien, Portugal, Griechenland oder die Türkei ein, die den Status von „Entwicklungsländern“ in anderen internationalen Organisationen dennoch besaßen. In der Gruppe C (Latin American countries) saßen die südamerikanischen Länder einschließlich Kuba. In der Gruppe D saßen schließlich die „sozialistischen Länder“ (socialist countries), d.h. die osteuropäischen Länder und die UdSSR.

14 Leave a comment on paragraph 14 1 Diese Teilung kombinierte also drei verschiedene Prinzipien. Erstens spielte das Entwicklungsniveau eine Rolle, um die als „entwickelt“ gesehenen Länder (Gruppe B und D) von den „Entwicklungsländern“ (Gruppe A) zu unterscheiden. Eine Zwischengruppe bildeten die Länder in Südamerika (Gruppe C). Zweitens wurde auch die Geographie berücksichtigt: kontinentale Gruppierungen wurden bevorzugt, wie im Falle der Gruppe C, aber auch D. Drittens stimmten die kontinentale Gruppierungen auch mit der ideologischen Trennung des Kalten Krieges überein. OECD- und NATO-Mitgliederstaaten, einschließlich die Türkei oder Griechenland, wurden in dieser Logik als „entwickelt“ bezeichnet. Umgekehrt konnte jedoch Jugoslawien als blockfreier Staat auf keinen Fall der Gruppe D („sozialistische Länder“) angehören und wurde Mitglied der Gruppe A, wo es neben seinem indischen Verbündeten saß. Diese Teilung macht also deutlich, dass die UNCTAD die Ordnung des Kalten Krieges nicht beseitigte. Auch wenn das Ost-West Schema nicht zum ursprünglichen UNCTAT wurde die binäre Ordnung aus pragmatischen Gründen in einer modifizierten Weise reproduziert.

15 Leave a comment on paragraph 15 1 Nicht nur die Teilung sondern auch die Bezeichnungen der Gruppen waren nicht immer problemlos. Die Ausdrücke von „Entwickelten Marktwirtschaften“ und „Sozialistischen Ländern“ wurden zwar akzeptiert. Sie waren aber nicht symmetrisch. Mit einer Betonung von „Marktwirtschaft“ stellte die Gruppe B im Gegensatz zur „Planwirtschaft“ den freien Markt in den Vordergrund. Das konnte als Kritik an der sowjetischen Planwirtschaft gelten, entsprach aber auch den Gepflogenheiten in anderen UN-Organisationen.[24] Die Gruppe D betonte hingegen ihren „sozialistischen Charakter“, um sich am deutlichsten von den „kapitalistischen“ Ländern der Gruppe B abzugrenzen. Die Ostblockländer waren nämlich ständig bemüht, der allgemeinen Kritik an den „entwickelten“ Ländern zu entkommen, indem sie die Gleichsetzung mit der Gruppe B ablehnten. Daraus erklärte sich, dass der „entwickelte“ Charakter der Länder der Gruppe D nicht einmal erwähnt wurde, wobei diese Länder sich einfach als „sozialistisch“ bezeichneten. Allerdings wurden alle diese Bezeichnungen nicht sofort zur offiziellen Nomenklatur. Noch 1966 musste sich ein UNCTAD Beamter dafür rechtfertigen, dass die Länder der Gruppe D „sozialistische Länder“ eher als „Planwirtschafts-“ Länder bezeichnet wurden.[25] Die offiziellen Bezeichnungen setzten sich nur langsam durch.

16 Leave a comment on paragraph 16 0 Die binäre Ordnung des Kalten Krieges war in UNCTAD nicht ganz beseitigt, sondern prägte ihren Institutionalisierungsprozess  weiter. Die Aufteilung in vier Gruppen erforderte jedoch zugleich eine Koordinierung innerhalb jeder Gruppe. Die Binarität des Kalten Krieges war nämlich nie von vornherein gegeben. Jedes Lager musste sich koordinieren. Dies wurde auch im Laufe der Vorbereitung der Konferenz offenbar. Alle Länder der verschiedenen zukünftigen Ländergruppen traten zusammen, um sich über gemeinsame Positionen zu einigen. Das galt auch für die Gruppe der „sozialistischen Länder“, obwohl gemeinsame Stellungnahmen in dieser Gruppe leichter zu erreichen waren als in den anderen Gruppen. Innerhalb der Arbeitsgruppe RGW (auch „zeitweilige Arbeitsgruppe für die Vorbereitung und Abstimmung der Positionen der Mitgliedsländer der RGW“ genannt) ergaben sich  allerdings doch interne Diskussionen bereits im Laufe der Vorbereitung zur Konferenz. Zu einer Zeit, in der die Ostblockländer unterschiedlichen wirtschaftlichen Reformen unternahmen, stand zum Beispiel auch die Frage des Handlungsspielraums der Betriebe im Bereich des Außenhandels zur Debatte. Dabei musste der DDR-Vertreter gegen den tschechoslowakischen und polnischen Vertreter Stellung nehmen und konnte eine Mehrheit erreichen, wobei er daran erinnerte, dass „die Rolle der Außenhandelsunternehmen bei der Durchführung von Außenhandelsgeschäften nicht losgelöst von den Operationen der Betriebe gesehen werden konnte“[26]. Der Antrag auf Mitgliedschaft Polens im GATT, der gerade 1964 gestellt wurde, löste auch Spannungen aus. Die polnische Delegation versuchte so das typische GATT Prinzip der Meistbegünstigung bei den anderen RGW Mitgliedsstaaten als Mittel zu rechtfertigen,  die Diskriminierung im Ost-West Handel zu beenden.[27] Der DDR-Vertreter in der Arbeitsgruppe RGW berichtete seinerseits, dass „der Delegationsleiter der Volksrepublik Polen sich gegen eine Formulierung im Protokoll wandte, dass das GATT von seinen Grundsätzen her nicht geeignet ist, die Funktion einer internationalen Handelsorganisation zu übernehmen“[28].

17 Leave a comment on paragraph 17 5 Eine Besonderheit der Gruppe D war außerdem, dass der Ostblock an der Handels- und Entwicklungskonferenz von 1964 doppelt vertreten war, einerseits durch die Länderdelegationen und andererseits von einer Delegation des RGW unter Leitung seines sowjetischen Generalsekretärs N.W. Faddejews. Dieser hatte im Oktober 1963 mit Raúl Prebisch, einem argentinischem Entwicklungsökonom und erstem Generalsekretär der UNCTAD, ein Gespräch geführt, das als „sehr herzlich“[29]. bezeichnet wurde Faddejews hatte dabei die Gelegenheit, die Rolle des RGW als Kooperations- und Entwicklungsmodel zu erklären und ihn der EWG entgegenzusetzen.[30] Prebisch zeigte sich am RGW Projekt einer zukünftigen Internationalen Bank für Entwicklung interessiert und versicherte Faddejew, dass der RGW als internationale Organisation zur Konferenz eingeladen würde. Der RGW konnte sich durch diese Beteiligung international behaupten, was im Laufe der Konferenz auch einige Spannungen unter den Ostblockländern auslöste. Nicht zuletzt weil die rumänischen und polnischen Delegationen, im Gegensatz zu den Vertretern der DDR gegenüber dieser neuen Rolle für die RGW Vorbehalte ausdrückten[31]. Für die polnischen und rumänischen Delegationen sollte die Koordinierung nicht durch die RGW als internationale Organisation sondern durch die souveränen Staaten erfolgen. Die Einheit des Blockes war also selbstverständlich. Sie konnte aber in verschiedenen Weisen gepflegt werden.

18 Leave a comment on paragraph 18 1 Eine letzte Besonderheit der Länder der Gruppe D war, dass sie zwar „sozialistisch“ aber zugleich osteuropäisch waren. Das stellte der Frage nach der Einordnung der nicht europäischen sozialistischen Länder. In dieser Hinsicht war die Zusammensetzung der Gruppe D nicht von Anfang an festgelegt. Der bereits oben zitierte UNCTAD Beamte war sich noch „nicht sicher, was die genaue offizielle Stellung der UNCTAD über die räumliche Ausdehnung der Gruppe der als ‚sozialistisch‘ bezeichneten Länder war“[32]. Er machte den Vorschlag, die sozialistischen Entwicklungsländer in die Gruppe D einzuschließen und die traditionellen Ostblockländer mit der Bezeichnung „europäisch“ gegebenenfalls zu unterscheiden. Dieser Vorschlag setzte sich zwar nicht durch, zeigte aber, dass die Institutionalisierung des UNCTAD-Ländergruppensystems eine komplexe Angelegenheit war.

19 Leave a comment on paragraph 19 0 Die nicht europäischen sozialistischen Länder, die in der UNCTAD als Mitglieder der Gruppe A (die Mongolei, Vietnam) oder der Gruppe C (Kuba) saßen, waren allerdings zugleich Mitglieder des RGW, welchem die Mongolei 1962, Kuba 1972 und Vietnam 1978 beitraten. Das verlagerte folgerichtig die Nord-Süd Spaltung, wie sie in der UNCTAD institutionalisiert wurde, teilweise in den RGW selbst. An einer Tagung der Ständigen Kommission für Außenhandel des RGW lehnte 1974 die kubanische Delegation die Position der osteuropäischen Länder ab, welche „die Versuche der Entwicklungsländer“ zurückwiesen, „die UNCTAD in ein Organ zur ausschließlichen Behandlung ihrer Entwicklungsprobleme zu verwandeln“[33]. Ein Vertreter der DDR berichtete ebenfalls 1985, dass „die Delegationen der Sozialistischen Republik Vietnam, der Republik Kuba und der Mongolischen Volksrepublik ausgehend von der wirtschaftlichen Lage ihrer Länder und den Festlegungen der Wirtschaftsberatung der RGW-Länder auf höchster Ebene erneut die weitere Gewährung von Vorzugsbedingungen im Handel mit europäischen RGW-Ländern forderten“[34], eine Forderung, die typische UNCTAD-Züge trug.

20 Leave a comment on paragraph 20 1 Der umgekehrte Weg war aber auch eine Möglichkeit: In den 1970er Jahren beschloss Rumänien, sich als ein „sozialistisches Entwicklungsland“ zu stilisieren. Internationale Organisationen wie die UNCTAD schienen, für diese Strategie besonders gut geeignet zu sein, da sie ein internationales Echo anbieten konnte. Das Ziel Rumäniens, so ein DDR-Vertreter im RGW, war, „in diesen internationalen Organisationen ohne Abstimmung mit den anderen Mitgliedsländern des RGW auftreten zu können“[35]. Nach seiner neuen Selbsteinordnung plante also Rumänien als romanischsprachiges Land , der Gruppe der lateinamerikanischen Länder (Gruppe C) beizutreten. Das UNCTAD Sekretariat bestätigte diese Initiative jedoch nie und betrachtete Rumänien in den statistischen Studien immer weiter als Mitglied der Gruppe D. Das zeigt, dass das UNCTAD-Gruppensystem einen gewissen Institutionalisierungsgrad erreicht hatte und solche Einzelinitiative abblocken konnte. Aus diesen Spannungen erklärte sich wahrscheinlich auch, dass der Beitrag Rumäniens in der UNCTAD fast inexistent war.

Die Ost-West Konkurrenz als Ressource: die „TRADSOC“ Abteilung beim UNCTAD Sekretariat

21 Leave a comment on paragraph 21 1 Es steht außer Zweifel, dass der Ost-West Konflikt die UNCTAD entscheidend prägte. Sowohl aus Osten als auch aus Westen gab es, mit mehr oder weniger Koordinierung auf der Blockebene, Versuche, die UNCTAD zu instrumentalisieren oder abzuwerten. Das UNCTAD Sekretariat musste diesen Tendenzen entgegentreten, um die Interessen der Entwicklungsländer zu behaupten, die selber in sich sehr heterogen waren. In dieser Hinsicht war aber der Kalte Krieg nicht nur ein Hindernis für die UNCTAD. Der Systemantagonismus konnte sich auch als Ressource erweisen. Das zeigt die Geschichte der „Abteilung für den Handel zwischen den Ländern mit unterschiedlichen sozialökonomischen Systemen“ beim UNCTAD Sekretariat, auch „Abteilung für den Handel mit den sozialistischen Ländern“ oder „TRADSOC Abteilung“ genannt.[36]

22 Leave a comment on paragraph 22 1 Der Begriff des „Handels zwischen den Ländern mit unterschiedlichen sozialökonomischen Systemen“ wurde zum ersten Mal auf einer Tagung der Ständigen Kommission für Außenhandel des RGW in Oktober 1963 erwähnt.[37] Dieses Thema gehörte zur Strategie der Ostblockländer, um den Ost-West Handel auf die Tagesordnung der Konferenz zu setzen. Diese „unterschiedlichen sozialökonomischen Systeme“ bezogen sich nämlich sowohl auf die westeuropäischen Länder als auch auf die Entwicklungsländer im Gegensatz zu den osteuropäischen „sozialistischen“ Ländern. Das bot die Möglichkeit, die Frage des Ost-West Handels mit der Frage des Süd-Ost Handels fest zu verbinden. Allerdings hatte diese Strategie zunächst nur wenig Erfolg. In einem Gespräch mit einem Mitarbeiter der UNECE in Genf, erwähnte Raúl Prebisch im Februar 1964 unter den fünf vorgesehenen ständigen Kommissionen der zukünftigen Handelsorganisation keine Kommission zu diesem Thema[38], noch tagte eine solche Kommission an der Konferenz selbst im Frühling 1964.[39] Nur als Unterthema in der Kommission zu „Fragen der Wirtschaftsgruppierungen“ tauchte der „Handel zwischen den Ländern mit unterschiedlichen sozialökonomischen Systemen“ in der Diskussion auf. Dabei schlug der sowjetische Vertreter, „unterstützt von anderen sozialistischen Ländern“[40], die Schaffung einer Arbeitsgruppe vor.

23 Leave a comment on paragraph 23 0 Erst nach der zweiten Handels- und Entwicklungskonferenz von 1968 in New Delhi wurde eine kleinere „Abteilung für den Handel zwischen den Ländern mit unterschiedlichen sozialökonomischen Systemen“ als letzte Abteilung des UNCTAD Sekretariats gebildet und dann nur noch als „Abteilung für den Handel mit den sozialistischen Ländern“ bezeichnet. Die Bildung dieser Abteilung kam im Gegenzug für die Unterstützung der Ostblockländer durch die Gruppe der 77 zustande und zeigte, wie diese die Ostblockländer ihre Stellung in den internationalen Organisationen zu verstärken wussten. Der erste Direktor dieser neuen Abteilung war der Sowjetbürger Vladimir Mordvinov, der Abteilungsleiter im sowjetischen Außenhandelsministerium gewesen war und die Arbeitsgruppe der Länder des RGW in Vorbereitung der ersten Handels- und Entwicklungskonferenz 1964 geleitet hatte.

24 Leave a comment on paragraph 24 1 Allerdings gelang es den Ostblockländern mit dieser Abteilung nur in Ansätzen, die Behandlung der Frage des Ost-West Handels in UNCTAD zu verankern. Die Abteilung hatte nämlich die Aufgabe, gegenüber dem Ost-West Handel den Handel mit den Entwicklungsländern zu bevorzugen. Während der Ost-West Handel in den 1970er Jahren 20 bis 30% des Warenaustausches (Import und Export) der Ostblockländer entsprach, waren diese Zahlen für den Handel mit den Entwicklungsländer nicht höher als 15%. Aber die Abteilung war, wie ihr Direktor in einem Brief an einen Kollegen erinnerte, „verpflichtet, sowohl von UNCTADs Empfehlungen als auch von weiteren Beschlüssen, zwischen dem Handel der sozialistischen Länder mit den Entwicklungsländern und dem Ost-West Handel ein gewisses Gleichgewicht aufrechtzuhalten. Eine Entfernung von diesem Kurs würde unerwünschte Reaktionen hervorrufen und es wäre sehr bedauerlich, den Kompromiss aufzulösen, der in dieser Frage erreicht wurde“[41]. Auf die gleiche Weise wurden die Aufgaben der Abteilung in den 1970ern Jahre so formuliert, dass der Ost-West Handel nur „unter Berücksichtigung der Arbeit der UNECE“ behandelt werden durfte, was bedeutete, dass diese Organisation, und nicht UNCTAD, das Diskussionsforum für den Ost-West Handel bleiben sollte. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West durfte in UNCTAD nur in dem Maße behandelt werden, insofern  er „eine Auswirkung auf den Handel mit den Entwicklungsländer“[42] habe.

25 Leave a comment on paragraph 25 2 Diese Ambivalenz zeigte sich auch in der personalen Zusammensetzung der Abteilung. Obwohl die internationalen Beamten theoretisch unabhängig von ihrer nationalen Herkunft rekrutiert werden sollten, trug das Personal der Abteilung ganz spezifische Züge. Der Direktor war immer ein Sowjetbürger, der wie ihr erster Direktor Mordvinov, schon Funktionen im Staats- oder Parteiapparat der UdSSR ausgeübt hatte, bzw. schon als internationaler Beamte in einer anderen internationalen Organisation tätig gewesen war. Von den fünf bis zehn Mitarbeitern der Abteilung kam in der Regel die Hälfte aus Bulgarien, Jugoslawien oder der ČSSR, während die anderen Nationalitäten des Ostblocks nicht vertreten waren. Diese Beamten blieben nur einige Jahre in der UNCTAD tätig, bevor sie ihre Karriere in ihrem Herkunftsland fortsetzten. Die andere Hälfte der Mitarbeiter kam aus Entwicklungsländern wie Indien, Algerien, Kolumbien, Iran, Pakistan oder Mauretanien. Manche blieben jahrelang in UNCTAD und stiegen dort beruflich schrittweise auf. Ein paar kamen schließlich aus Westeuropäischen aber ausschließlich neutralen Staaten wie Österreich oder Finnland.

26 Leave a comment on paragraph 26 3 Schon diese Zusammensetzung spiegelte also deutlich das Ziel wider, die Ost-Süd Handelsbeziehungen prioritär zu fördern. Dabei wurde der Ost-West Konflikt als weitgehend irrelevant und die Entwicklungsfrage hingegen als zentral betrachtet. Diese Linie, die unter den Mitarbeitern unabhängig von ihrer Herkunft durchgesetzt wurde, schlug sich insbesondere im Sprachgebrauch nieder. Innerhalb UNCTAD wurde jegliche Förderung des Sozialismus an sich sorgfältig ausgewichen. Die Begriffe „Kapitalismus“, „Ausbeutung“ sowie „kapitalistische“ oder „imperialistische“ Länder wurden nicht benutzt. Jeglicher Bezug zur politischen Angehörigkeit war gleichfalls unerwünscht. Bei einem Briefaustausch 1980 zwischen dem Abteilungsdirektor Mikhail Davydov und der stellvertretenden Direktorin des Internationalen Instituts für ökonomische Probleme des sozialistischen Weltsystems beim RGW Christa Luft, wandte sich Luft an Davydov in Russisch mit der Anrede „Genosse“[43], worauf Davydov in Englisch und mit der Anrede „Mrs Luft“[44] antwortete. Luft antwortete wiederum, diesmal in Englisch und mit der Anrede „Mr. Davydov“[45]. Die Beziehungen der Abteilung mit den Ostblockländern behielten ihren formalen Charakter, auch wenn die Akteure einander persönlich kannten. Es ist auch zu betonen, dass die Abteilung nicht in der ersten Linie mit dem RGW zusammenarbeitete. Erst 1976 bat die Abteilung beim RGW um Material zur Industrialisierung und zum Abbau der Ungleichheiten zwischen den Mitgliedsstaaten.[46] Eine statistische Zusammenarbeit wurde erst 1984 initiiert.[47] Das alles bedeutete, dass auch die Beamten aus den Ostblockländern, die in ihrem Herkunftsland Staatsfunktionäre oder Wissenschaftler gewesen waren und im Ausland weiter Parteimitglieder blieben, wahrscheinlich Anweisungen empfingen, sich den Habitus des internationalen Beamten anzueignen und sich als loyale UNCTAD-Beamte zu verhalten.

27 Leave a comment on paragraph 27 0 Nicht nur die Sprache und das Verhalten sollten entideologisiert werden, sondern auch die Programmatik. Die Planwirtschaft, die die Grundlage des Gesellschaftsmodells in den Ostblockländern bildete, galt in der Abteilung für den Handel mit den sozialistischen Ländern nicht in der ersten Linie als Lösung der Frage des Eigentums an den Produktionsmitteln, sondern es wurden vielmehr ihre objektiven Vorteile für die Entwicklungsländer betont.[48] Erstens sollte Planwirtschaft mit ihren vom Markt unabhängig bestimmten Preisen zur Preisstabilität beitragen. Zweitens sollte die Planwirtschaft umfassende und ausgehandelte Handelsabkommen ermöglichen, die oft mit einer „technischen Unterstützung“ verbunden waren. Drittens machte die Planwirtschaft das Vorhaben denkbar, eine koordinierte und ordentliche Umgestaltung in der internationalen Arbeitsteilung zu planen, in dem die Planwirtschaften, gewisse Wirtschaftszweige den Entwicklungsländern überlassen würden. Um das sozialistische Modell relevant zu machen, war also eine Übersetzung aus dem ideologischen Paradigma des Kalten Krieges in ein neues Paradigma der Entwicklung notwendig.

28 Leave a comment on paragraph 28 1 Mit der Bildung der Abteilung für den Handel mit den sozialistischen Ländern war also die UNCTAD kein Opfer des Kalten Krieges. Der UdSSR gelang es nicht die UNCTAD zu instrumentalisieren. Vielmehr instrumentalisierte umgekehrt die UNCTAD selbst den Kalten Krieg. Als Konkurrenz, und nicht nur als Konflikt, brachte der Kalte Krieg nämlich unerwartete Ressourcen für die UNCTAD. In  Prebischs Vorhaben, die ärmeren Länder durch einen gerechteren Handel zu entwickeln, blieb die Rolle des Markts zentral. Aber um den optimalen Markt auf der Weltebene zu bauen war Planung auch nicht auszuschließen. Daraus erklärte sich das Interesse für die sozialistischen Planwirtschaften. Die Pluralität der Ansätze wurde sogar explizit gefördert. Ein UNCTAD Beamte übte zum Beispiel an einer Studie von einem tschechoslowakischen Experten 1977 scharfe Kritik, weil dieser „im vermeintlichen Geist der Détente an jeglicher marxistischen Analyse fehlen lasse und auch übervorsichtig keine kritischen Vergleiche zwischen sozialistischen und kapitalistischen Projekten führte“[49]. Die Modellkonkurrenz, die für den Kalten Krieg so charakteristisch war, konnte auch als Erfahrungsreservoir fungieren.

29 Leave a comment on paragraph 29 0 Aus dem hybriden Charakter des UNCTAD Vorhaben erklärte sich auch das besondere Interesse der UNCTAD für die sogenannte „trilaterale industrielle Kooperation“[50]. Diese war ein Ausdruck der Détente und bestand in einer Zusammenarbeit zwischen Akteuren aus dem Westen, aus dem Osten und aus den Entwicklungsländern. Die ersten boten die Technologien und Maschinen und die zweiten die mittlere technische Belegschaft an, die dann für die Umsetzung vor Ort zuständig war, während das Entwicklungsland, das das Projekt empfang, Arbeitskräfte bzw. Rohstoffe zur Verfügung stellen sollte[51]. Solche Projekte weckten ein außerordentliches Interesse in der Abteilung für den Handel mit den sozialistischen Ländern,[52] denn die Ost-West Kooperation sollte so zugunsten der Entwicklungsländer genutzt werden. Zudem aber setzte auch einen Technologietransfer von Westen nach Osten ein und die Behandlung des Ost-West Handels konnte auf diese Weise schließlich wieder auf die Tagesordnung gelangen.

Schluss

30 Leave a comment on paragraph 30 3 Die Ordnungsvorstellung des Kalten Krieges wurde in der UNCTAD nie völlig aufgehoben. Sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihrer Tätigkeit wurde die UNCTAD durch den Kalten Krieg und die verschiedenen, oft konfliktreichen Stellungen der westlichen bzw. östlichen Länder beeinflusst. Die UNCTAD reproduzierte jedoch nicht die Ordnungsvorstellung des Kalten Krieges. Sie  berücksichtigte dies zwar und der Kalte Krieg schreibt sich in die Organisation und Arbeit der UNCTAD ein. Zugleich zeigt sich in der Geschichte der UNCTAD aber auch, dass sich die Ordnung des Kalten Krieges modifizieren und für weitere Interessen, die außerhalb des Referenzrahmens Kalter Krieg lagen, nutzen ließ. Für die internationalen Organisationen wie die UNCTAD war daher der Kalte Krieg nicht nur ein Hindernis in ihrer Tätigkeit, sondern auch eine Ressource. Da der Kalte Krieg in einem Konflikt zwischen den Großmächten aber auch in einer Konkurrenz zwischen Systemen bestand, gab es für die internationalen Organisationen die Möglichkeit diese Konkurrenz strategisch zu benutzen, um ihre eigene Ziele zu erreichen.

31 Leave a comment on paragraph 31 0  

Literatur und Quellen

  • 32 Leave a comment on paragraph 32 0
  • Bockman, Johanna: Socialist Globalization against Capitalist Neocolonialism: The Economic Ideas behind the New International Economic Order, in: Humanity: An International Journal of Human Rights, Humanitarianism, and Development, 6 (2015) 1, S. 109-128.
  • Merloz, Georges: La CNUCED. Droit international et développement, Bruxelles, 1980.
  • United Nations Conference on Trade and Development: The History of UNCTAD 1964-1984 (United Nations Publications) New York, 1985.

33 Leave a comment on paragraph 33 0 [1] Dieser Beitrag ist Teil des SNF Forschungsprojekts Shared modernities or competing modernities? Europe between West and East (1920s-1970s) 100011_152600/1.

34 Leave a comment on paragraph 34 0 [2] Siehe Bockman: Socialist Globalization against Capitalist Neocolonialism.

35 Leave a comment on paragraph 35 0 [3] Siehe hierzu Georges Merloz, La CNUCED, S. 317-323.

36 Leave a comment on paragraph 36 0 [4] Siehe United Nations Conference on Trade and Development: The History of UNCTAD 1964-1984.

37 Leave a comment on paragraph 37 0 [5] Vgl. SAPMO BArch DE1 49425, Vorlage für das PB des ZK der SED zur „UN-Konferenz für Handel und Entwicklung“ (Welthandelkonferenz).

38 Leave a comment on paragraph 38 0 [6] Vgl. SAPMO BArch DE1 49425, Übersicht über die Zusammenfassung von Diskriminierungen nach Problemen, k.D. (Anfang der 1960er).

39 Leave a comment on paragraph 39 0 [7] Vgl. SAPMO BArch DE1 49425, Brief vom Bereich Handelspolitik MAI an Aßmann (Büro Leuschner), 16.9.1963.

40 Leave a comment on paragraph 40 0 [8] SAPMO BArch DE1 49425, Notizen über die Beratung der Vorlage Welthandelskonferenz, 26.10.1963.

41 Leave a comment on paragraph 41 0 [9] SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/6.10/197, S. .134-141 : Zu Problemen der Abstimmung einer gemeinsamen Haltung der sozialistischen Länder im RGW in bezug auf die westeuropäische Integration, 22.5.1962, S. 138.

42 Leave a comment on paragraph 42 0 [10] SAPMO BArch DE1 49425, Entwurf einer Stellungnahme der DDR zu Vorschlägen und Maßnahmen zur Entwicklung des Handels von dritten Ländern, die an der 2. Tagung der Vorbereitungskonferenz der UN zur Welthandelskonferenz in Genf vorgelegt wurden, 1.10.1963, S. 1-2.

43 Leave a comment on paragraph 43 0 [11] SAPMO-BArch DE1 49620, Bericht über die Teilnahme der DDR-Delegation an der 3.Tagung der III. Tagung der zeitweiligen Arbeitsgruppe der RGW Mitglieder zur Abstimmung der Positionen in Vorbereitung auf die WHK, S. 6.

44 Leave a comment on paragraph 44 0 [12] SAPMO-BArch DE1 49620, Bericht über die Teilnahme der DDR-Delegation an der 3.Tagung der III. Tagung der zeitweiligen Arbeitsgruppe der RGW Mitglieder zur Abstimmung der Positionen in Vorbereitung auf die WHK, S. 15.

45 Leave a comment on paragraph 45 0 [13] SAPMO BArch DE1 49425, Memorandum Vorläufige Vorstellungen über die Grundprinzipien einer Internationale Handelsorganisation (IHO), 10.9.1963.

46 Leave a comment on paragraph 46 0 [14] Vgl. SAPMO-BArch DE1 49620, Bericht über die Teilnahme der DDR-Delegation an der 3.Tagung der zeitweiligen Arbeitsgruppe der RGW Mitglieder zur Abstimmung der Positionen in Vorbereitung auf die WHK.

47 Leave a comment on paragraph 47 0 [15] Vgl. SAPMO BArch DE1 49425, Die Haltung der DDR zum Vorschlag der Sowjetunion über die Schaffung einer Internationalen Handelsorganisation, 21.2.1964, S. 1-2.

48 Leave a comment on paragraph 48 0 [16] SAPMO-BArch DE1 49620, Information über die Ergebnisse der 3. Tagung des Vorbereitungskomitee der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), 26.2.1964, S. 1-4.

49 Leave a comment on paragraph 49 0 [17] SAPMO-BArch DE1 49620, Protokoll über die am 19.Juni 1963 durchgeführte 3. Beratung der Arbeitsgruppe WHK, 25.6 1963, S. 2.

50 Leave a comment on paragraph 50 0 [18] SAPMO-BArch DE1 49620, Kurzinformation, 15.8.1963, S. 2.

51 Leave a comment on paragraph 51 0 [19] SAPMO BArch DE1 49425, Vorlage für das PB des ZK der SED zur „UN-Konferenz für Handel und Entwicklung“  (Welthandelkonferenz), S. 2.

52 Leave a comment on paragraph 52 0 [20] SAPMO BArch DE1 49425, Vorlage für das PB des ZK der SED zur „UN-Konferenz für Handel und Entwicklung“  (Welthandelkonferenz), S. 2.

53 Leave a comment on paragraph 53 0 [21] SAPMO BArch DE1 49425, Vorlage für das PB des ZK der SED zur „UN-Konferenz für Handel und Entwicklung“  (Welthandelkonferenz), S. 7.

54 Leave a comment on paragraph 54 0 [22] SAPMO BArch DE1 49425, Vorlage für das PB des ZK der SED zur „UN-Konferenz für Handel und Entwicklung“  (Welthandelkonferenz), S. 8.

55 Leave a comment on paragraph 55 0 [23] Vgl. SAPMO-BArch DE1 49620, Besprechungen mit Raul Prebisch in der Wirtschaftskommission der UNO für Europa am 7. Oktober 1963, 8.10.1963

56 Leave a comment on paragraph 56 0 [24] Siehe u.a. Departement of Economic and Social Affairs, Planning for economic development, vol.2, Studies of national planning experience, Part 2, Centrally planned Economies, United Nations publications, 1965

57 Leave a comment on paragraph 57 0 [25] Vgl. UNCTAD ARR 40/1929, 549, TD 822, Brief von Surendra Patel, 24.5.1966.

58 Leave a comment on paragraph 58 0 [26] SAPMO-BArch DE1 49620, Bericht über die Teilnahme der DDR-Delegation an der 3.Tagung der III. Tagung der zeitweiligen Arbeitsgruppe der RGW Mitglieder zur Abstimmung der Positionen in Vorbereitung auf die WHK, S. 9.

59 Leave a comment on paragraph 59 0 [27] Vgl. SAPMO-BArch DE1 49620, Das Prinzip der Meistbegünstigung, k.D. (Dezember 1963).

60 Leave a comment on paragraph 60 0 [28] SAPMO-BArch DE1 49620, Bericht über die Teilnahme der DDR-Delegation an der 3.Tagung der III. Tagung der zeitweiligen Arbeitsgruppe der RGW Mitglieder zur Abstimmung der Positionen in Vorbereitung auf die WHK, S. 20.

61 Leave a comment on paragraph 61 0 [29] SAPMO BArch DE1 49425, Niederschrift des Gesprächs N.W. Faddejews mit dem Generalsekretär der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung, Raul Prebisch, 1.10.1963.

62 Leave a comment on paragraph 62 0 [30] Vgl. SAPMO BArch DE1 49425, Niederschrift des Gesprächs N.W. Faddejews mit dem Generalsekretär der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung, Raul Prebisch, 1.10.1963, S.6.

63 Leave a comment on paragraph 63 0 [31] Vgl.  SAPMO-BArch DY 30/IV A 2/6.10/119, Kurzbericht, 1.7.1964.

64 Leave a comment on paragraph 64 0 [32] SAPMO-BArch DY 30/IV A 2/6.10/119, Kurzbericht, 1.7.1964.

65 Leave a comment on paragraph 65 0 [33] SAPMO-BArch DY 30/17735, Information über den Verlauf der Beratung der SKAH des RGW vom 12. bis 15.11.1974, 19.11.1974, S. 4.

66 Leave a comment on paragraph 66 0 [34] SAPMO-BArch DY 30/17735, Bericht über die Ergebnisse der 71. Tagung der SKAH des RGW und der 50. Tagung der SKTUZ (4.-6. Juni 1985, Moskau).

67 Leave a comment on paragraph 67 0 [35] SAPMO-BArch DY 30/17735, Information über den Verlauf der Beratung der SKAH des RGW vom 12. bis 15.11.1974, 19.11.1974, S. 5.

68 Leave a comment on paragraph 68 0 [36] Vgl.  UNCTAD ARR 40/1929, 545 bis 551.

69 Leave a comment on paragraph 69 0 [37] Vgl. SAPMO BArch DE1 49425, Erarbeitung und Abstimmung eines gemeinsamen Standpunktes der RGW-Länder in bestimmten Fragen, die auf der Welthandelskonferenz eine Rolle spielen werden, 12.11.1963.

70 Leave a comment on paragraph 70 0 [38] Vgl. SAPMO-BArch DE1 49620, Vermerk über ein Gespräch mit Genossen Bukreev, Mitarbeiter im ECE-Sekretariat Handelsabteilung, am 24.1.1964, 25.1.1964.

71 Leave a comment on paragraph 71 0 [39] Vgl. SAPMO-BArch DY 30/IV A 2/6.10/119, Information über die erste Beratung der DDR-Expertendelegation am 26.4.1964 in der Ständigen Vertretung der DDR im Genf, 28.4.1964.

72 Leave a comment on paragraph 72 0 [40] SAPMO-BArch DY 30/IV A 2/6.10/119, Anstrengungen zur Lösung bestimmter Streitfragen. Beginn in fünf Hauptkomitees, 14.4.1964.

73 Leave a comment on paragraph 73 0 [41] UNCTAD ARR 40/1929, 549, TD 822, Brief von Mordvinov an Stone, 3.6.1970.

74 Leave a comment on paragraph 74 0 [42] UNCTAD ARR 40/1929, 546, TD 802/8, Division for trade with socialist countries. Functions, 1976

75 Leave a comment on paragraph 75 0 [43] UNCTAD ARR 40/1929, 547, TD 808/1, Brief von Luft an Davydov, 27.3.1980.

76 Leave a comment on paragraph 76 0 [44] UNCTAD ARR 40/1929, 547, TD 808/1, Brief von Davydov an Luft, 5.5.1980.

77 Leave a comment on paragraph 77 0 [45] UNCTAD ARR 40/1929, 547, TD 808/1, Brief von Luft an Davydov, 10.10.1980.

78 Leave a comment on paragraph 78 0 [46] Vgl.UNCTAD ARR 40/1929, 547, TD 808/1, Note verbale to CMEA member countries and letter to CMEA Secretariat, 21.6.1976

79 Leave a comment on paragraph 79 0 [47] Vgl. UNCTAD ARR 40/1929, 550, TD 842: 23.1.1984.

80 Leave a comment on paragraph 80 0 [48] Siehe einen Entwurf vom Abteilungsdirektor für eine Erklärung des Generalsekretärs vor den Mitgliedsstaaten. UNCTAD ARR 40/1929, 546, TD 804, Opening Statement of Item 7 of the Agenda (11th Session of the Board, 26.7.1971), k.D.

81 Leave a comment on paragraph 81 0 [49] UNCTAD ARR 40/1929, TD 588/1(3), Brief von Tom Ganiastos, 16.12.1977.

82 Leave a comment on paragraph 82 0 [50] Siehe Akte unter UNCTAD ARR 40/1929, 549, TD 820/12, Transfer of technology, tripartite industrial co-operation (Januar.1976-April 1985).

83 Leave a comment on paragraph 83 0 [51] Vgl. Francis Arkwright und Patrick Gutman, „La coopération industrielle tripartite entre pays à systèmes économiques et sociaux différents de l’Ouest de l’Est et du Sud“, Politique étrangère, 40/6, 1975, S. 621-655.

84 Leave a comment on paragraph 84 0 [52] Vgl. Der Direktor der Abteilung Mikhail Pankine wurde 1975 von der International Economic Association an einer internationalen Tagung in Dresden eingeladen, um zu diesem Thema vorzutragen. Siehe den entsprechenden Vortrag: UNCTAD ARR 40/1929, 550, TD 830, UNCTAD and tripartite industrial co-operation, 25.3.1976.

Source: https://opr.degruyter.com/den-kalten-krieg-vermessen/michel-christian-unctad/